Seite - 208 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
dieEntenteunterdenGefangenenderMittelmächteinRussland.Diesefandaber
unterdenpreußischenundgalizischenPolenvergleichsweisewenigWiderhall–
anders als imWesten,woExilpolen zusammenmit derbritischenund franzö-
sischenPoloniaab1917vieledeutschePolenfürdieBlaueArmeegewannen.Für
diedortigeTätigkeitdesPolnischenNationalkomiteesunterderLeitungRoman
Dmowskiswurde das ausOsteuropa stammende Feindbild des ,Pangermanis-
mus‘ an die ideologische Erwartungshaltung derWestmächte, besonders der
USA, angepasst undmit dempostuliertenGegensatz vonDemokratie und au-
toritärerHerrschaft verbunden.46
Die nach 1915 mit den Mittelmächten kooperierenden Aktivisten waren
mehrheitlich nicht von Sympathien für jenemotiviert, sondern durch das In-
teresseanmöglichstschnellenundweitreichendenZugeständnissenpolnischer
Staatlichkeit. Diese rein pragmatisch agierendeGruppe umfasste bezeichnen-
derweise auch Piłsudski, der parallel zu den offiziellenVerhandlungenweiter
seine geheime Polnische Militärorganisation (POW) aufbaute. Noch immer
relativ wenig erforscht sind in diesem Zusammenhang die Positionen der
sogenannten Verständigungspolitiker (ugodowcy) beziehungsweise Etatisten
(pan´stwowcy)umWładysławStudnicki, diehäufigals germanophil bezeichnet
werden.HierbeihandelteessichumdieeinzigepolitischeGruppe,dienichtnur
dierussischeHerrschaftablehnte,sondern–wasdaseigentlichBesonderewar–
dezidiert auf Berlin stattWien setzte und bereit war, für die Aufnahme eines
polnischenStaates in ein alsmodernundzukunftsweisendangesehenesHege-
monialsystem unter deutscher Führung auf die Provinz Posen als die ,Wiege
Polens‘ zu verzichten.47 Inder Spätphase desKrieges 1917/18, die sich in ope-
rativerHinsichtnochmalspositiv fürdieMittelmächteanzulassenschien,hatte
jedochdie–nichtzuletztmediale–Internationalisierungder,polnischenFrage‘
samt ihrerNobilitierungals alliiertesKriegsziel denpolitischenSpielraumder
BesatzungsmächteinKongresspolenbereitsstarkeingeschränkt.Dieszeigtesich
etwa an der starken öffentlichenAufregung umdie Chełmer beziehungsweise
CholmerFrage:DiesesGebiet amOstrandKongresspolenswarzwischenPolen
undUkrainernumstritten. ImRahmendesBrotfriedensmit derUkrainischen
Volksrepublik vom9.Februar 1918, der denMittelmächtenumfangreicheGe-
treide- und Rohstofflieferungen sichern sollte, wurde es der Ukraine zuge-
sprochen.HierübererhobsichunterdenPolenheftigerProtestundtratdervon
denMittelmächteneingesetzteRegentschaftsratdesKönigreichsPolenzurück.
46 Vgl. JamesS.Pula,PolishAmericans.AnEthnicCommunity,NewYork1995,S. 54–61; Jens
Boysen,ImperialService,Alienation,andanunlikely,NationalRebirth‘.ThePolesintheFirst
WorldWar, in:GearjidBarry/EnricoDalLago/Rjis&nHealy (Hg.), SmallNations andCo-
lonialPeripheries inWorldWar I,Leiden2016,S. 157–176,hierS. 157–159.
47 Vgl.RafałLyson,Programpolitycznypoznan´skichugodowcjwwokresieIwojnys´wiatowej,
in: StudiaHistoricaSlavo-Germanica25 (2004), S. 101–112.
JensBoysen208
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918