Seite - 241 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
selbennicht zuzögern.“33Dasbis 1870–unddamitüberdasVereinsrechtvon
1867 hinaus – in Kraft gewesene „Koalitionsverbot“ von Organisationen für
Arbeiter/-innen, das überregionale Absprachen zur Durchsetzung etwa von
Lohnforderungen unter Strafe stellte,34wirkte offenbar auch nach deren Ab-
schaffung inderRechtsprechungteilweisenach.AlleineschondieSpannung in
der Rechtsauslegung dieser Frage zeigt deren herausforderndes Potential auf.
DerMusikerbund jedoch begriff die Bildung von Zweigvereinen alsÜberle-
bensfrage für die Musikerorganisation. Noch bevor der Auflösungsbescheid
publik gemachtwurde,meldetediePressebereitsdenVersucheinerNeugrün-
dungdesVereins,unddiesmalstandausdrücklichdieAbsicht imVordergrund,
die„ThätigkeitüberdieganzewestlicheReichshälfte“auszudehnen.35AlsName
warÖsterreichischerMusikerverein vorgesehen, dessen Statuten zwar bald ge-
nehmigt wurden, allerdings unter dem NamenWiener Musikerverein.36 An
dieser Re-Regionalisierung zwischen angestrebter und sanktionierter Na-
mensgebungdesVereins lässt sichdie offenbarweiterhin bestehende behörd-
liche Skepsis gegen eineüberregionale, gesamtösterreichischeMusikerorgani-
sationablesen.37
Wie stark der neueMusikerverein (der sich bald wieder inMusikerbund
umbenennen sollte und sich damit zu einerMarke formte, was sich auch in
Annoncen späterer Jahre durch das Attribut „Gegründet 1872“ ausdrückte)38
jedoch auf eineüberregionaleAusbreitung derMusikerorganisation hinarbei-
tete,wirdauchdaranablesbar, dassdas ab1875erschieneneVereinsorgan,die
OesterreichischeMusiker-Zeitung, großesGewicht auf Berichte legte, in denen
die regionaleBegrenzungdesVereinskritischzurSprachekam.DieErzählung
seines Ausdehnungsdrangs instrumentalisierte der Verein aber auch erinne-
rungspolitisch:AlsGrundfürdieAuflösungdesWienerMusikerbundesnannte
dieRedaktiondesVereinsorgans zwei Jahre später, im Juli 1875, lediglich „die
VersendungdesAufrufesandieCollegenindenProvinzenunddiebeabsichtigte
GründungeinesMusikerverbandesals Statutenüberschreitung“,währendetwa
die „Anmaßungen“ gegenüber der Hofadministration – in den Gerichtsver-
handlungen noch ein zentraler Punkt des Auflösungsbescheids – nicht mehr
erwähntwurden.39 Im selbenArtikel vom Juli 1875 erklärte dieRedaktionder
33 OeMZ5(01.07.1875), S. 1.
34 Vgl. Ferdinand Karlhofer,Österreich. Zwischen Korporatismus und Zivilgesellschaft, in:
Werner Reutterer (Hg.), Verbände und Verbandssysteme inWesteuropa, Opladen 2001,
S. 335–354,hierS. 336.
35 Morgen-Post23/301(01.11.1873), S. 3.
36 NeuesFremden-Blatt 10/3 (03.01.1874), S. 4.
37 DetailszumNamensgebungsprozesssindleidernichtüberliefert,dafürdie1870er-Jahrebis
anhinkeineVereinsaktenaufgefundenwurden.
38 Vgl. etwadieOeMZIX/39(20.09.1901), S. 160.
39 OeMZ5(01.07.1875), S. 1.
HerausforderndeMusiker/-innenorganisation 241
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918