Seite - 249 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Aufrufeaufsetzen,die„derUebersetzungundAgitationwegen“ inKooperation
mit Zweigvereinen in Böhmen,Mähren und Schlesien verbreitet werden soll-
ten.74Bezeichnenderweisestandendabeivonvornhereinnurtschechische,nicht
aber Musiker/-innen anderer Sprachgruppen im Fokus – ein Umstand, der
plausibel wird, wennman sich die organisatorischen Referenzen bei Vereins-
undVerbandsgründung genauer betrachtet. In derMusikerzeitung stößt man
immerwieder aufHinweise, dass derVerbandbei seinerKonstituierung stark
demMuster der gewerkschaftlichenOrganisationstruktur in derHabsburger-
monarchie folgte (auf die historisch ausgeprägteNähe zurArbeiter/-innenbe-
wegung inderFrühphasedesMusikerbundeswurdeobenbereitshingewiesen).
Diese kennzeichnete, dass sie sich (zunächst) aufwenigeGebiete beschränkte.
MitHelmutKonrad lassen sich, ausgehendvonder Feststellung großer regio-
nalerUnterschiede des Industrialisierungsprozesses inÖsterreich-Ungarn, als
gewerkschaftliche Zentralgebiete die „geschlossenen Industriegegenden“ aus-
machen. Zu diesen gehörten insbesondereMähren und Böhmen. Eine Folge
davonwarennachKonrad deutlich erkennbare ethnische Trennlinien derAr-
beiterklasse: Industriearbeit im engeren Sinn sei tschechischen und deutsch-
sprachigenArbeitern vorbehalten gewesen; dadurch sei das Verhältnis dieser
beidenGruppenzueinanderauch fürdieorganisiertenTeilederArbeiterbewe-
gungzumGradmesserfürdieBewältigungnationalerProblemegeworden.75Die
Verhältnisse imMusikerverbandsindvoneinerverblüffendenÄhnlichkeit,was
schon durch einen Blick auf die in der konstituierenden Versammlung des
Verbandes 1895vertretenenRegionendeutlichwird. Sie repräsentierten ebene
jeneGebiete, die zuden„geschlossenen Industriegegenden“Cisleithaniensge-
hörten, wobei böhmische Vertretungen zunächst fehlten: neben demWiener
Musikerbund (mit fünf Delegierten) waren dies derMusikerverein in Bielitz-
Biala (einDelegierter), derBrünnerMusikerbund (einDelegierter), derGrazer
Musikerbund (einDelegierter),derMusikerverein inLinz (einDelegierter),der
Musikerverein für dasKronland Salzburg (einDelegierter) sowie derMusiker-
verein fürWitkowitz,OstrauundUmgebung (einDelegierter).76
Durch den Zusammenschluss mit Musikervereinen aus mährischen und
schlesischen Gebieten wurde die Mitgliederstruktur in sprachlicher Hinsicht
diverser,wodurchdas ausschließlichdeutschsprachig erscheinendeVerbands-
organ immer stärkerunterDruckgeriet, zumalTschechisch inden letztenDe-
kadenderMonarchiehinsichtlich seiner sozialenundpolitischenKonnotation
74 OeMZIV/1(01.01.1896), S. 3.
75 Helmut Konrad, Arbeiterbewegung und bürgerlicheÖffentlichkeit. Kultur und nationale
FrageinderHabsburgermonarchie, in:GeschichteundGesellschaft20/4(1994),S. 506–518,
hier S. 508f. Konrad zählt außerdemNiederösterreich,Oberösterreichunddie Steiermark
dazu.
76 OeMZIII/23 (01.12.1895), S. 115.
HerausforderndeMusiker/-innenorganisation 249
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918