Seite - 310 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
tischenItalienern‘und,klerikalen,ländlichenKroaten‘einreihten,ausgeblendet.
Daher ist es aber interessant geradedie unmittelbareNachgeschichte desKul-
turkampfes inFiume/Rijekaweiterzuverfolgen.DassderStadtpfarrergegendas
Gesetz protestierte, war freilich nicht überraschend. Aber dass er demvorge-
stelltenBild,wieeinPriesterinderKüstenregionzuseinhabe(nämlichländlich,
südslawisch, antiitalienisch, antiungarisch), nicht entsprach, stellt schon das
nationsfixierteNarrativdesKulturkampfes infrage.
Worumgehtesalso?DasGesetzüberdieZivilehewurde1894–nachdemdie
zweite Kammer, das sogenannte ,Magnatenhaus‘ es zuerst abgelehnt hatte –
letztendlich in beiden Kammern des ungarischen Parlamentes verabschiedet
und–62 anders als inKroatien-Slawonien– auch inFiume/Rijeka eingeführt.63
WährendalsodieumliegendenösterreichischenundkroatischenGebietekeine
Zivilehe–und indiesemSinnekeineMöglichkeitderScheidung fürkatholisch
geschlosseneEhen–hatten,war inFiume/Rijeka ab1894 erlaubt, zivil zuhei-
ratenunddieHeiratdannstaatlichauflösenzu lassen.DieersteZivilehe inder
HafenstadterfolgteMitteSeptember1895:EinVatermeldeteseineTochter,Irma
Ferlati zur Zivilehe mit dem Seemann Michael Sveklja an.64 Der damalige
StadtpfarrerzeigtesichhartnäckiggegenüberdemWunsch.DonGaetanoBedini
war unter den ersten Priestern in ganzUngarn, der sichweigerte, denHeira-
tenden die nötigen Dokumente aus dem Matrikelbuch auszustellen.65 Der
Stadtmagistratmusste den sonst italienischsprachigenPfarrer zumGehorsam
gegenüber dem staatlichen Gesetz ermahnen. Nicht ein kroatischsprachiger
Priester aus demLande, sondern ein italienischsprachiger aus derHafenstadt
leistete alsoWiderstand.
Als DonBedini 1891 zumStadtpfarrer in Fiume/Rijeka ernanntwurde, er-
freute er sichnochder vollenUnterstützungdes liberalenStadtmagistrates.Er
war nämlich strikt gegen die altslawische Liturgiesprache, die eine Forderung
kroatischsprachiger Kreise innerhalb der katholischen Kirche darstellte. Don
Bedini beschrieb etwa die Zustände in der Kirche – vor allem bezüglich des
Sprachengebrauchs imGottesdienste – „viel schlimmer, als ich esmir je vor-
62 DiekirchenpolitischenReformen,umdieder,ungarischeKulturkamp‘ausbrach,umfassten
die folgendenGesetze:Gesetzesartikel (törv8nyczikk) 31/1894überdie Zivilehe,Gesetzes-
artikel32/1894überdiefreieWahlderKonfessionszugehörigkeitderKinderausMischehen,
Gesetzesartikel 33/1894über die staatlicheMatrikelführung, Gesetzesartikel 42/1895über
dieGleichberechtigungder jüdischenReligion, sowieGesetzesartikel43/1895überdie freie
Konfessions-undReligionswahlallerStaatsbürger; vgl.Cs#ky,DerKulturkampf inUngarn
[wieAnm.25], S. 106f.
63 Über die Entstehung undVerabschiedung des Gesetzes siehe Cs#ky, Der Kulturkampf in
Ungarn(wieAnm.25), S. 98ff.
64 AgramerZeitung(16.09.1895), S. 5.
65 AgramerZeitung(26.09.1895), S. 2.
PéterTechet310
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918