Seite - 324 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
KriegserklärungÖsterreich-UngarnsanSerbienerachtetesiedieDurchführung
abernichtmehralsopportunund„sistierte“dieWahl.40
MitAusbruchdesErstenWeltkriegesverschärfte sichdieSituationaufeiner
anderen Ebene in Graz und der Steiermark: Eine nahezu hysterische ,Serbo-
philie‘, der man pauschal in der deutschnationalen Presse die slowenisch-
sprachigeBevölkerungdesKronlandesbezichtigte, erfassteweiteTeile derÖf-
fentlichkeit. EineWelle vonVerhaftungenwar die Folge vonDenunziationen.
SchwerpunktderVerfahrenwarendieuntersteirischenStädteMarburg/Maribor,
Pettau/Ptuj, Luttenberg/Ljutomer undCilli/Celje; doch auchGrazwarmit 100
VerfahrenSchauplatzeinerüberdemstatistischenDurchschnittderSteiermark
gelegenen Slowenen-Verfolgung.41 Zwar ebbte diese Hysterie imHerbst 1914
wieder ab, der Schadenwar aber angerichtet: Die slowenischsprachige Bevöl-
kerung war vor den Kopf gestoßen, die katholische Kirche als Brückenbauer
zwischen den sprachnationalen Gruppen desavouiert und gespalten, die süd-
slawischenPolitiker imExil,dieaufeineEinigungineinemunabhängigenStaat
drängten,hattenmassivanpropagandistischemRückenwindgewonnen.42
DieseDiskussionen spielten sichvorwiegend inderüberhitztendeutschna-
tionalen Presse ab, der Gemeinderat als Ort der gesellschaftlich-bürgerlichen
Debatte konnte sich bei diesem Thema nicht profilieren. Nachdem sich im
Winter1914/15herausstellte,dassauseinemraschenKriegnichtswerdenwürde,
nahmdie Statthalterei – alsOrgandesGesamtstaates –mit demk.k.Ministe-
riumdes InnerenKontakt auf, umabzuklären,wieweiter vorzugehen sei.Das
MinisteriumlehntedasAnsinnenab,dieWahlnundurchzuführen–mitHinweis
auf die großeAnzahl von abwesendenGrazern als Soldaten.43DasThemawar
damitfürdiekommendeZeitvomTisch.Dochdiesichlaufendverschlechternde
generelleVersorgungslage,dieoftnurdurchenergischesundkreativesVorgehen
derGemeindeverwaltungen gebessertwerdenkonnte,war auchdieTriebfeder
fürdienunohneOrganagierendenParteivertreter,umweiteraufdasNachholen
derWahlenzupochen.44
40 FürdenEntwurfvon1914undeineausführlicheEntstehungsgeschichte, siehe: Stadtarchiv
Graz, Präsidialakte, Kt. 203, I1/918/1914, Mandatsrücklegung des Bürgermeisters Dr.
Fleischhackerunddesdeutsch.Bürgerklubs,AuflösungdesGemeinderats;der zitierteAkt
behandelt bisMitte 1915 fast ausschließlich Fragen der Kanzleiordnung (Ausnahme: Be-
soldung des Regierungskommissärs), das Nachholen der Neuwahl wird an keiner Stelle
erwähnt.
41 InGrazfandeinVerfahrenje1502Einwohner/-innenstatt; imDurchschnittdesKronlandes
wareseinVerfahrenauf1519Einwohner/-innen.
42 Moll,KeinBurgfrieden(wieAnm.26), S. 427f., 533–540.
43 Steiermärkisches Landesarchiv, Statthalterei Präsidium, ZahlA5b-207/1912, Abschrift des
Schreibensdesk.k.MinisteriumsdesInnerenandiek.k. Statthalterei,31.12.1914,S. 203f.
44 Dies ist auch bei einer nachträglichen Analyse aufrechtzuerhalten, wie Roger Chickering
anhandvonFreiburg imErstenWeltkriegeindrucksvoll gezeigthat; einkreativesManage-
WolframDornik324
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918