Seite - 325 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Die vorsichtigen LiberalisierungenKaiserKarls ab 1917 und den Sommer-
urlaubdesRegierungskommissärs–unddasdamitentstandeneMachtvakuum–
nahmen die Parteivertreter des 1916 als Beratungsorgan geschaffenen Ge-
meindewirtschaftsrates zumAnlass, umineinemmit 6.August 1917datierten
Protestschreiben an die Statthalterei einen neuerlichenAnlauf zur Abhaltung
von Neuwahlen für den Gemeinderat zu fordern. Sie beklagten in ihrem
Schreiben,dassderderzeitigeZustand„ungesetzlichundunhaltbar“sei,dadie
GemeindeordnungdasAusschreibenvonWahlenbinnensechsWochenvorsähe.
Sie beklagten auch, dass am katastrophalen Zustand der Lebensmittelversor-
gungvonGrazdieArbeitdesvonderStatthaltereinichtunabhängigagierenden
Underrains schuld sei und es umso dringender bald einen handlungsfähigen
Gemeinderat undBürgermeister brauche.DieGemeindevertreterdesGemein-
dewirtschaftsrates hielten nun den Druck aufrecht. In einem neuerlichen
Schreiben vom 6.August berichteten sie davon, dass die Vertreter der vier
Parteien einenKompromissüberdieDurchführungderWahl, dieZusammen-
setzungdesGemeindepräsidiumsundGemeinderateswieaucheinwirtschafts-
und sozialpolitisches Arbeitsprogramm ausverhandelt haben, welches garan-
tiere,
„daß die ausgeschriebenen Gemeinderatswahlen friedlich und in einfacher Weise
verlaufenwerdenunddaßderneuzuwählendeGemeinderatruhigundstrengsachlich
arbeitenwird. Es ist damit auch das letzte – übrigens nicht zu Recht bestehende –
Hindernis fürdie raschesteAusschreibungderWahlenweggefallenunddie staatsge-
treue,gutgesinnteGrazerBevölkerungkönnteesnimmerverstehen,daßihrseitensder
hohenk. k steirm. Statthalterei einRecht noch länger vorenthaltenwird, das andere
ParteienÖsterreichs ungestört genießenund sodieMilitärverwaltung selbst derBe-
völkerung inbesetztemrussischenFeindeslandeeingeräumthat.“45
DieserKompromiss – später vonStatthalterClary als seinWerkdargestellt –46
ermöglichtenuntatsächlichdieDurchführungderWahlen,wasdieStatthalterei
am18.August in einemErlass auch kundtat.Das Innenministerium– imDe-
zember1914nochvehementgegeneineAustragungderWahlenundimJuli1917
ment durch eine engagierteGemeindevertretungkonntemehr erreichen als ein schlichtes
bürokratischesVorgehen. Dies brachte die Lokalverwaltung in regelmäßige Konfliktemit
denihrübergeordnetenVerwaltungsstellen,wasnaturgemäßvoneinemBeamtenebendieser
Stellen nicht zu erwartenwar, siehe: Roger Chickering, TheGreatWar andUrban Life in
Germany,Cambridge2007,S. 210–216.
45 Steiermärkisches Landesarchiv, Statthalterei Präsidium, Zahl A5b-207/1912, Vertreter des
Gemeindewirtschaftsrates an die hohe k.k. steiermärkische Statthalterei, 06.08.1917,
S. 214f.
46 Wieerbei seinerRedezurAngelobungdesBürgermeisters selbstöffentlichbetonte: Feier-
liche Beeidigung des Bürgermeister Mag. Pharm. Adolf Fizia, in: Amtsblatt der landes-
fürstlichenHauptstadtGraz36/XXI(31.12.1917), S. 248f.
Vomabwesenden ImperiumineinerperipherenMetropole 325
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918