Seite - 329 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
das Ansuchen um Stellungnahme des Vereines „Schönerer“ betreffend der
SalzburgerHochschul-Vereinbarung:Alle siebenwurdenangenommen.58
Die Gemeinderatsdebatten des Jahres 1918 lassen trotz der zunehmenden
Bedrohungder sozialen Integrität durch die Belastungen desKrieges – insbe-
sondereHungerundMangel sowiesozialeVerwahrlosung–keinenWandeldes
SelbstverständnissesderFührungselitevonGraz–hinzueinermonarchischen
Gesamtstaatsverantwortung–erkennen.Was jedochbis indie letztenTageder
Monarchie anhielt, war der hegemoniale Blick des deutschen, bürgerlichen
Milieus:Alsam10.Oktober1918 imGrazerGemeinderatübereineResolution
zum„SelbstbestimmungsrechtderVölker“beratenwurde,indemderAnspruch
auf das deutsche Siedlungsgebiet in der Steiermark zumAusdruck kommen
sollte,brachtederantragstellendeGemeinderatdiesmit folgendenWortenzum
Ausdruck: „Mit selbstaufopfernder Beharrlichkeit hat das deutsche Volk in
Österreich die Bestimmung in sich gefühlt, den anderenVölkern des Reiches
KulturbringerundFührer imbestenSinnezu sein, stetsdieAngelegenheit des
Staatesüber seine eigenenstellend.“DieSozialdemokraten stimmtendemAn-
tragzu.59
Voneinemübernationalen,monarchischenKonsenskonntebeiden führen-
denVertreterndesGrazerGemeinderatesimletztenKriegsjahrkeineRedemehr
sein; die Gemeinderäte geißelten ohne erkennbare Einschränkungen die
(süd-)slawische Bevölkerungsgruppen des Kronlandes beziehungsweise der
Monarchie und befanden sich damit ganz imDuktus des auch im Reichsrat
vorherrschendenTons,miteinemgroßenUnterschied: imGrazerGemeinderat
fehlte das Gegenüber! Eine autochthone slowenischeMinderheit war in Graz
nichtvertreten,unddiezugezogenenBürgerausdensüdlichenKronländernder
MonarchiebeziehungsweiseUngarnhattenaufgrunddesgeltendenGemeinde-
wahlrechtesnichtdieMöglichkeit indieGemeindevertretungzukommen.
Der alltägliche Kampf umdie Versorgungmit Lebensmitteln, Energie und
Leuchtmitteln dominierte die Alltagsarbeit des Gemeinderates während des
ErstenWeltkrieges(undindenerstenMonatendanach).TrotzallembliebRaum
fürkulturpolitischeForderungenwiedieUnterstützungdeutschnationalerOr-
ganisationen der Zivilgesellschaft. Ab Sommer 1918 betrieb dieMehrheit des
Gemeinderates, zumTeildurchdie sozialdemokratischeFraktiongestütztoder
ignoriert, jedoch nicht klar bekämpft, eine konsequent deutschnationale, völ-
kischePolitik,soweitesdieengenGrenzendeskommunalenWirkungsbereiches
58 Stenographischer Bericht über die ordentliche öffentliche Sitzung desGemeinderates der
LandeshauptstadtGrazamDonnerstagden12. Juli1918,in:Amtsblattderlandesfürstlichen
HauptstadtGraz22/XXI(10.08.1918), S. 507–528.
59 Stenographischer Bericht über die ordentliche öffentliche Sitzung desGemeinderates der
Landeshauptstadt Graz amDonnerstag den 10.Oktober 1918, in: Amtsblatt der landes-
fürstlichenHauptstadtGraz29/XXII (20.10.1918), S. 658f.
Vomabwesenden ImperiumineinerperipherenMetropole 329
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918