Seite - 330 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
Bild der Seite - 330 -
Text der Seite - 330 -
© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
erlaubten.Dochwie schonvorKriegsausbruch augenfällig erscheinen dieDe-
battenbeiträge eher reaktivalsproaktiv,wie etwadie vermeintlichen südslawi-
schen ,Hausaufkäufe‘ zeigen. Loyalitätsbekundungen zum Kaiserhaus, zur
Monarchie oder zur Aufrechterhaltung der Kampfmoral bis zum Sieg fehlen
vollständig.EntwederhattendieGemeinderäteKriegundMonarchiebereits für
verloren erklärt, oder sie erwarteten sichdurch solcheBekundungenkeinerlei
Zuspruchder von ihnenvertretenenBürgerschaft vonGraz.
Conclusio
Schlusspunktder vorliegendenBetrachtungen istderNovember1918. ,Kriegs-
bürgermeister‘ Fizia übergab sein Amt am 14. Juni 1919 dem an diesem Tag
angelobtenneuenBürgermeisterVinzenzMuchitsch.60ZwarwarGrazdamitseit
1919 sozialdemokratisch regiert, doch die Ausgestaltung der Stadtjubiläums-
Feierlichkeiten 1928, der von Graz ausgehende Pfrimer-Putsch 1931 und die
turbulentenWochenvordem,Anschluss‘1938weisenaufKontinuitätsliniender
deutschnationalenDiskursebisweit ins20. Jahrhunderthin.
Der isolierte Blick auf Hegemoniediskurse in den deutschnationalen bür-
gerlichenMilieusderHauptstadtdesKronlandesSteiermarkzwischen1880und
1918 legt den Schluss nahe, dass wir es auch im homogenenGrazmit einem
langfristigen,kollektivenEntfremdungsprozess‘dergesellschaftlichenGruppen
zutunhaben.DiekommunaleFührungselitevonGraz–ganz imGegensatzzur
bürokratischen oder militärischen der Monarchie – folgte im untersuchten
Zeitraumnie einemmonarchischenKonsens.Vielmehr fühlte sie sichnational
übergeordnetundbrachtedies ineinemkolonialenSendungsbewusstseinzum
Ausdruck. Ein imperialer Ausgleich zur Stärkung des übernationalen Zusam-
menhaltes fehlte.
DochwoherkommtdiesenationaleKonfliktbereitschaft in einer sprachlich
undreligiös sohomogenenStadtwieGraz?UndwarumsetztederProzessder
nationalenRadikalisierungschoninden1880er-Jahrensovehementein–gerade
in gesellschaftlichenGruppen, die vomvorangegangenen ,Boom‘ profitierten?
Einer derGründe ist gerade in ebendiesemwirtschaftlichenunddemographi-
schen ,Erfolg‘ zu sehen: Insbesondere ab etwa 1850 verstärkte sich der Zuzug
undhieltmit kurzerUnterbrechungbis zumEndedes Jahrhunderts an.Hinzu
kamenHerausforderungenaufderMakroebene,wiedieZweiteGlobalisierung,
dieVerunsicherungdurch technischeBeschleunigung, dieVeränderungendes
deutschnationalenDiskursesnach1866oderdieEffektedesdemographischen
60 SteiermärkischesLandesarchiv, StatthaltereiPräsidium,ZahlA5b-207/1912,Bürgermeister
derStadtGrazandasPräsidiumdersteierm.Landesregierung, 14.06.1919,S. 303.
WolframDornik330
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918