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Bernhard Hachleitner und Matthias Marschik
8 Konflikte
ImKontext der komplexenAusverhandlungen von jüdischen Identitäten und
von jüdischerDifferenzerscheinenKonflikte, ihreGenese,AustragungundLö-
sung von besonderem Interesse, machen sie doch paradigmatisch kulturelle
Kontexte evident, die ansonsten oft verborgen bleiben oder kaum an die Öf-
fentlichkeitgelangen.KonflikteerlaubeneinebeispielhafteRekonstruktionder
auslösendenundumrahmendenKultur, der Deutungsmuster, Lösungsvarian-
tenundderhegemonialenStrukturenderLösung.Konflikte verdeutlichenBe-
dingungen, PraxenundAnwendungen vonWissenundMacht. Sowerden sie
auch zur Grundlage der Konstruktion von Gruppenidentitäten, wenn die Ab-
grenzungvonKonfliktgegnerInnenzukollektivemHandelnodergemeinsamen
kollektivenAussagen führt.Gerade imFalle vonKonfliktenwerden– inveröf-
fentlichten (Zeitungen) und unveröffentlichten Quellen (Polizeiberichte, Ge-
richtsakten, private Korrespondenzen etc.) – Standpunkte manifest. Im Kon-
flikt–vorallemwenner ineinerFormvonDelinquenzmündet–werdenauch
minder prominente Subjekte sichtbar, die ansonsten kaumdiskursive Spuren
hinterlassenhaben.
Im Fall unserer Untersuchungsgruppe der SportfunktionärInnen bildeten
KonflikteAnlässe, sich zuFragenvon jüdischerDifferenz zuäußern,die sonst
gerade imSportkontext vielleicht verborgen gebliebenwäre.Mitunter führten
Konflikte auch zur Produktion vonEgodokumenten, in denendie Betroffenen
ihre Haltung zum Judentum explizit formulierten. Die Konflikte und ihre Lö-
sungenzeigenbeispielhaftAspektevon (Definitions-)Machtauf,nichtallein in
derAuseinandersetzungselbst, sondernauch in ihrenKontexten;derKonflikt
ist stets auch eine performative „soziale Interaktion, die eine Identifizierung,
Abgrenzungund Imitation ermöglicht“.1
FunktionärInnenwaren AkteurInnen in Konflikten, sei es direkt als Kon-
fliktpartei oder indirekt, indem zu Konflikten öffentlich Stellung genommen
wurde. ImSinneeinerDiskursanalysegehtesdarum,zuentschlüsseln,welche
AkteurInnenmit welchen Ressourcen, Interessen, Strategien die SprecherIn-
nenpositionen besetzten.2 Für unser Projekt stand die Frage imVordergrund,
welche Rolle jüdischeDifferenz dabei einnahm. Lisa Silverman argumentiert,
1 Klaus Hödl, Wiener Juden – jüdische Wiener. Identität, Gedächtnis und Performanz im
19. Jahrhundert (Innsbruck 2006) 45.
2 Reiner Keller, Wissenssoziologische Diskursanalyse. Grundlegung eines Forschungspro-
gramms (Wiesbaden 32011).
Open Access. © 2019 Bernhard Hachleitner und Matthias Marschik, publiziert von
De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0
International Lizenz (CC BY 4.0).
https://doi.org/10.1515/9783110553314-008
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918