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Profifußball: Massensport oder elf bezahlte Gladiatoren? 185
Aufladung, die besonders im Fußballverband Konflikte auslöste, zumal sich
dessen informelle, politisch segregierte Unterverbände heftige Kontroversen
lieferten.VerstärktwurdedieSituationdurchdieAnerkennungeines tschechi-
schenundab1922aucheines jüdischenUnterverbandes,die„ingleicherWeise
berücksichtigt“wurden.7
ImZugedieser permanentenKonflikte legten imDezember 1922 zwei pro-
minente (jüdische)bürgerlicheFunktionäre, IgnazAbelesundMartinHaudek,
ihreMandate imFußball-Verband nieder,8 was jedoch nicht zwangsläufig als
ReaktionaufantisemitischeAngriffe zuwertenwar.Denn imFußballsport ließ
sich zwar immerwieder einmitunter heftiger,manchmal subtilerAntisemitis-
muskonstatieren,dochwarerzumeistvonMachtkalkülen,vonOrganisations-
politikoder simplenSportinteressenüberlagert. IndiesemFall argumentierten
beide Funktionäremit der zunehmendenMachtfülle undWillkür sozialdemo-
kratischer Funktionäre.9
AuchalsAnfang1923 imWienerFußball-VerbandeinneuerVorstandspos-
tengeschaffenundmitdem„Jüdischnationalen“HermannKörnerbesetztwur-
de,war dieKritik des Illustrierten Sportblattes eher antisozialistischmotiviert:
„V.A.S.und jüdischerSportverbandhabeneinander ihreLiebeerklärt. […]Üb-
rigens sah es von Anfang an verdächtig darnach aus, als ob die Sympathien
der Führer des V.A.S. von der Mehrheit ihrer Leute keineswegs geteilt wür-
den.“10 Aber auch Antisemitismus wurde dabei transportiert, indem das be-
liebteBild einer angeblichenDifferenz zwischenden (jüdischen) Führernund
den (nichtjüdischen)Arbeiternbemühtwurde.DieKoalition zwischenden jü-
dischnationalen undden sozialdemokratischen Fußballvereinen, die auf eine
gemeinsamepolitischeAgenda, denMassensport, zurückgeführtwurde, blieb
denn auch kurzlebig. BeschworHakoah-Funktionär Spitzer noch 1923 die Ge-
meinsamkeit, indem „er die Vereine des Schutzverbandes heftig angriff, weil
die ‚elf Gladiatoren‘hätten, imGegensatz zudenVereinendesV.A.S. unddes
jüdischen Sportverbandes, die alle beide den ‚reinen Massensport‘ betrei-
ben“,11 optierte die Hakoah nach der Einführung des Profibetriebes und der
SpaltungdesVerbandes–wiealleanderenVereinederhöchstenSpielklasse–
für denbürgerlichenVerbandund fürdenProfessionalismus.
Zudem zählte die Hakoah in der Liga anfangs zu den Vereinen mit den
höchsten Budgets, was in der Folge zu heftigen und langjährigen Konflikten
7 AmtlicheNachrichtendesÖsterreichischenFußballbundes,Nr.45a (8. 11. 1922) 2.
8 Sport-Tagblatt (5. 12. 1922) 1.
9 Sport-Tagblatt (8. 12. 1922) 1.
10 Illustriertes Sportblatt (31. 3. 1923) 6.
11 Illustriertes Sportblatt (7.4. 1923) 4.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918