Seite - 193 - in Sportfunktionäre und jüdische Differenz - Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
Bild der Seite - 193 -
Text der Seite - 193 -
Case Study: Wie Julius Deutsch vor Gericht seine Ehre verlor 193
fentlicheAuseinandersetzungen zuFragen von jüdischerDifferenz zu vermei-
den – die eigene jüdische Familiengeschichte wurde zu einer biografischen
Leerstelle, zuderer sichnichtäußerte.Dasgingsoweit,dassDeutschs (dritte)
EhefrauAdrienneThomas–die er imamerikanischenExil kennengelernthat-
te – in einemBrief im Jahr 1957 schrieb: „Nach Europa zurückzugehen,wäre
mir nicht im Traume eingefallen, wenn ich es nicht um Julla’s [J. Deutschs]
Willenhätte tunmüssen.Er istNichtjude–stammtvonburgenländischenBau-
ern ab – ihmund seinesgleichen kannman den Begriff ‚Heimat‘ nie so ganz
austreibenwieunsereinem.“44
IndemEhrenbeleidigungsprozess,der sichausdemZwischenfall inSt.Ni-
kola entwickelte,wurdeDeutsch jedoch gezwungen, explizit über Fragen von
jüdischerIdentitätzusprechen.DerKonfliktentspannsichauseinerAuseinan-
dersetzung inseiner touristischenFreizeit,wobei JuliusDeutsch für seine rege
Ausflugstätigkeit und„sportlichenTouren“bekanntwar.45 Deutschwurde als
öffentliche Person in erster Linie als Funktionär der SDAP,weniger als Sport-
funktionär–derer imstrengenSinnerst 1924werdensollte–wahrgenommen.
SeineReden indemGerichtsprozess liefern daher vor allemEinsichten indas
antagonistische politische Feld des neuenNationalstaats Österreich. Dass der
Streit jedoch imkulturellenSettingvonSommerfrischeundAlpinismusseinen
Ausgangspunktnahm, istbezeichnend–undverweist aufdiekulturelleTopo-
grafiedesösterreichischenSports:Deutschwarals„Jude“undSozialdemokrat
im„schwarzen“bzw. „völkischen“Voralpenlanddoppelt am falschenOrt.
Ein Jahr nach dem Zwischenfall folgte die erste Verhandlung im Prozess
Julius Deutsch gegen Hans Reinl am Bezirksgericht Grein a.d. Donau. In der
SitzungversuchteHansGürtler,derVerteidigerdesAngeklagten,46mithilfeanti-
semitischerArgumente denWahrheitsbeweis für dieBeleidigungdes „Schufts“
Deutschanzutreten. InderVerhandlunggabderAngeklagteReinl zuProtokoll,
erhabemit seinenWanderfreundenbloßeinesprachwissenschaftlicheDiskus-
sionüberdenaltenhebräischenBegriff „Schufide“geführt, „dieseseienVolks-
beauftragte gewesen, welche einemilitärische Garde um sich hatten und die
Totenschein aus dem Jahr 1968 vermerkt jedoch „evangelisch H.[?] B.“, diese Auskunft gab
auchseineTochterAnnemarieDeutschineinemBriefanHartmutMehringer, 13. 11. 1976,VGA,
Personenarchiv, Lade 20,Mappe 12:Deutsch, Julius, Biographisches.
44 BriefvonAdrienneThomasanBetty,Wien27. 2. 1957.Zit.n.:KarinSinhuber,AdrienneTho-
mas.EineMonographie(DissertationUniv.Wien1990)208.Vgl.dazuColpan,Hachleitner,Mar-
schik, JewishDifference, 151.
45 VGA,Parteiarchiv vor 1934,Mappe46, „EinekommunistischeLausbüberei“ (Artikel-Typo-
skript).
46 Gürtler war zumindest in einem zweiten antisemitisch aufgeladenen Prozess als Anwalt
tätig, demMordfall BrunoWolf im Jahr 1929, vgl.Silverman, BecomingAustrians, 29.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918