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196 8 Konflikte
ErwinWaihs.60 In seiner Funktionals Staatssekretär fürHeerwesenerreichten
ihnzur selbenZeit Eingabendesnationaljüdischen JournalistenundAbgeord-
netenRobertStricker, indenendieserumUnterstützung für jüdischeAnliegen
warb. So sagteDeutsch imMärz 1920 sein Entgegenkommenbei der Freigabe
von Gründen für den auf Platzsuche befindlichen SC Hakoah zu.61 In dem
Schriftverkehr finden sich bezeichnende Details: Vermutlich war es Deutsch,
der einige Passagen in Strickers Schreiben durchstrich, u.a. den Satz, die
Hakoahbilde„denSammelpunktaller jüdischenSportleute“, ebensodieAus-
sage „[b]ei der bekannten Bedeutung,welche die Körperpflege für die Juden
besitzt, erscheint es dringend geboten, demVerein die Erfüllung seiner Auf-
gabezuermöglichen“.62Sowohlder zionistischeVertretungsanspruchderHa-
koah als auch die Bezugnahme auf Fragen körperlicher Reinheit, die sowohl
auf dasKonzept des „Muskeljudentums“ als auch auf dieAbwehr antisemiti-
scher Stereotypendes „schmutzigen Juden“ verweisen,widersprachen offen-
barDeutschs Selbstsicht als deutschösterreichischemSozialdemokraten.
Die politische Hauptkonfliktlinie lag für Sozialdemokraten wie Deutsch
nicht inderFragedesAntisemitismus,sondern imAntagonismusmitdembür-
gerlichenGegner. Typisch ist etwaDeutschsEinschätzungdesDeutschenund
OesterreichischenAlpenvereins, dessenösterreichischeSektionenab 1919 fast
durchgängigdenArierparagrafeneingeführthatten.63DiealpinistischeOrgani-
sation, soDeutsch, sei „zu einemSammelbecken aller reaktionären, denAuf-
stieg der Arbeiterklassemit giftigemHaß verfolgenden Elemente geworden“.
„Unter demVorwand, die Juden von sich fernhalten zuwollen“, habe der Al-
penverein tatsächlich„dieArbeiterausdenvon ihmbetriebenenSchutzhütten
hinausgeworfen“.64 Ähnlich hatte es Deutsch auch in anderen Aufsätzen for-
muliertund„dieengstirnige,gehässigeHaltung“kritisiert,diederAlpenverein
„gegendieAnhänger einer anderenWeltauffassungeinnimmt“.65
60 Brief andasLinzer Tagblatt, 22.4. 1920,VGA,Parteiarchiv vor 1934,Mappe 116/4.
61 VGA, Parteiarchiv vor 1934, Mappe 107, Robert Stricker an Staatssekretär Dr. Julius
Deutsch,5. 3. 1920,undAntwortanRobertStricker,8. 3. 1920.Die imBesitzdesDonauregulie-
rungsfondsstehendenParzellendesspäterenHakoah-PlatzeswarenzuvorvoneinerArtillerie-
fahrschulebzw.demStaatsamt fürHeerwesengenütztworden, vgl. SusanneHeleneBetz,Von
derPlatzeröffnungbis zumPlatzverlust.DieGeschichtederHakoahWienund ihrerSportanla-
ge inderKrieau1919–1945. In:Betz,Löscher,Schölnberger (Hg.), „…mehralseinSportverein“,
150–184, hier 153.
62 VGA, Parteiarchiv vor 1934, Mappe 107, Robert Stricker an Staatssekretär Dr. Julius
Deutsch, 5. 3. 1920.
63 Vgl. dazuKapitel 2.
64 Deutsch, Unter rotenFahnen, 15.Hervorh. d.Verf.
65 JuliusDeutsch,Eine InternationaledesArbeitersports. In:Arbeiter-Zeitung (23.8. 1927) 2.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918