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Case Study: Wie Julius Deutsch vor Gericht seine Ehre verlor 197
Nichtdie Juden, sonderndieSozialdemokratenseienalsodasprimäreZiel
derAusschlusspraktikender radikalendeutschnationalenAlpinistengewesen.
TatsächlichhattederHauptausschussdesAlpenvereins 1923die sog. „Hütten-
begünstigung“ fürMitgliederder sozialdemokratischenNaturfreundeaufgeho-
ben und den Sektionen empfohlen, diesen die Aufnahme zu verweigern.66
Deutschs auf den ersten Blick dennoch abwegige Behauptungwird nachvoll-
ziehbarer,wennmanbedenkt, dass er als „Touristiker“wohl auch selbst zum
Opfer dieser Exklusionsprinzipienwurde. Vielleichtwaren sie für ihn leichter
zubegegnen,wennerdieDefinitionsmachtbewahrte, als Sozialdemokratund
nicht als „Jude“ausdenHüttendesAlpenvereins verdrängtworden zu sein.
ImZeugenstandderGreinerVerhandlungwurdeDeutsch vomRichter ge-
nötigt, Antwort auf die Frage seiner behaupteten jüdischen Abstammung zu
geben.SeineAussagevorGericht fielwie seineEinschätzungzumAlpenverein
überraschend aus: „Das sei bei ihm schwer festzustellen“, wurdeDeutsch zi-
tiert,
„denn seine Familie sei viele Geschlechter hindurch imBurgenland ansässig; ein Zweig
dieser Familie sei jüdisch, der andere nicht. Er sei darnachwahrscheinlichHalbjude. Im
übrigenherrsche in der Familie die Tradition, daß ihreAhnen zur Zeit der Protestanten-
verfolgungenden jüdischenGlauben angenommenhaben, somit der Abstammungnach
die ganzeFamilie arisch sei.“67
Die gegnerische Presse stürzte sich genüsslich auf Deutschs Aussage, für sie
blieb er Jude.68
In seinerRedevorGerichthatte sichDeutschaufhistorischeFreiheitsfigu-
renwieWilhelmTelloderdieAnführerderBauernkriegeberufen.Dergegneri-
scheAnwalt sprach ihm jedochdasRecht ab, sichmit diesen volkstümlichen
Figuren zu vergleichen. „Ein Mann von derart minderwertigen moralischen
Qualifikationen, dernochdazu seinerAbstammungnachmit demösterreichi-
schenVolkenichts zu schaffenhabe, könnennichtAnspruchdarauf erheben,
vielleicht alsNationalheldgefeiert zuwerden.Dr.Deutschals österreichischer
WilhelmTell sei eineOperettenfigur,welcherderAnspruchderLächerlichkeit
nicht versagtwerdenkönne.“69 Es ist kein Zufall, dass dieReichspost in einer
Karikatur geradedasBilddes verunglücktenWilhelmTell aufgriff.70
66 MartinAchrainer, NicholasMailänder, DerVerein. In: BergHeil!, 193–318, hier 250–254.
67 (Linzer) Tagblatt (12.6. 1923) 8.
68 Reichspost (12.6. 1923) 6.
69 Reichspost (11.6. 1923) 4.
70 Reichspost (27.6. 1923) 7.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918