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Publikumsausschreitungen 209
gen: So reduzierte das Sport-Tagblatt die Aussagen der Hakoah auf den übli-
chenTheaterdonnerderVereinsfunktionäre:
„ImSp.C.HakoahsollnachdenumlaufendenGerüchtendieAbsichtbestehen,entweder
die Fußballsektion aufzulösen oder die Mannschaft aus der Meisterschaft zurückzuzie-
hen.EsbestehenzwarVerstimmungen,aberes ist garkeinZweifel,daßauchdieseAnge-
legenheitebensoendigenwird,wieähnlicheKrisen inanderenVereinen,nämlichmitder
Aufrechterhaltung der Fußballsektion und der weiteren Teilnahme an der Meister-
schaft.“116
Tatsächlich ebbte die Diskussion rasch ab: Die Rückzugsdrohung war wohl
auchalsVersuch zu interpretieren, einemdrohendenPunkteverlust (weil laut
SchiedsrichterdieHakoahdenAbbruchzuverantwortenhatte) zuverhindern.
Etwadreieinhalb Jahre später, imMärz 1927, kames auf derHohenWarte
bei einemSpiel dergleichenVereineneuerlichzuAusschreitungen.DasSport-
Tagblatt führte sie auf schlechte Schiedsrichterleistungenundbrutale Szenen
auf demSpielfeld zurück, die auf die ZuschauerInnenübergriffen. Anders die
sozialdemokratischeBoulevardzeitungDasKleineBlatt: „SchonvonallemAn-
fang an wollte der stimmgewaltige Anhang beider Seiten – Blut sehen. Das
Match aber blieb trotzdem eine ganze Halbzeit fair.“117 Die Arbeiter-Zeitung
schrieb: „Pogromversuche–derBeginnderWahlbewegung.Wüsteantisemiti-
sche Exzesse auf dem Sportplatz Hohe Warte.“118 Noch schärfer formulierte
tags darauf dasKleine Blatt: „Man sprach von ‚Pogromen‘, Generalsäuberung
des Zuschauerraumes von Juden und Abbruch des Spieles.“119 Ähnlich der
Morgen: „Wahlfieber auch imSport? […]AufderHohenWarte kames zuMas-
senausschlüssenundRaufereien,dieallerdingsaucheinenpolitischenHinter-
grundhabendürften.HoffentlichgelingtesdemVerband,diewahrenSchuldi-
genausfindigzumachen.“120DieArbeiter-ZeitungschildertedieVorkommnisse
imStadion sehrplastisch:
„DaswareingefundenesFressen fürdieFrontkämpferund ihrenganzenantisemitischen
Anhang. Auf demSportplatz tauchtenda auf einmalVisagen auf, denenman sonst dort
nicht zu begegnen pflegt: allerlei GesichtermitWindjacken, Feldkappen und sonstigen
deutschnationalen Abzeichen. Die Leute hatten vomFußballmatch keine Ahnung. Aber
sie begannen schon vor Beginn des Spieles zu stänkern und ließen verlauten, daßman
heute endlich der JudenbagaschdenHerren zeigenwerde. Kaumwar der Schiedsrichter
116 Sport-Tagblatt (10. 11. 1923) 6.
117 DasKleineBlatt (7. 3. 1927) 7.
118 Arbeiter-Zeitung (7. 3. 1927) 5.
119 DasKleineBlatt (8. 3.1927) 14.
120 DerMorgen (7. 3. 1927) 11.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918