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Publikumsausschreitungen 211
schlossen, alles zu tun, umnicht etwadie leidenschaftlicheWahlpropaganda
auchaufdie Sportplätzeübergreifen zu lassen“.125
Antisemitismusmachte sich auch im Fußballgeschehen bemerkbar, aber
erwurdeergänztodersogarüberlagertdurchpolitischeundideologischeDiffe-
renzen zwischen Sozialdemokratie und Christlichsozialen einerseits, durch
sportpraktische Konkurrenz, Auseinandersetzung und Vereinsfanatismus an-
dererseits. Ein unddasselbe Spielwurde – vomWiener Verband– einmal als
Belegfüreinen„unpolitischen“FußballsportunddieeigeneUnverantwortlich-
keit, ein andermal als Beleg der Politisierung des Sports herangezogen. Den-
noch beinhalteten die Debatten Diskurspositionen, die über Fragen von jüdi-
scher Differenz funktionierten: Ein „Terror des jüdischenPublikums“ und ein
„Terror“ seitens der Hakenkreuzler gegen die Hakoah bildeten dabei keinen
Widerspruch.
Entscheidend inunseremKontext istdieBeteiligungderSportfunktionäre:
Es ist der Vorstand der Hakoah, der die Statements des Vereines formulierte,
wie es umgekehrt die Funktionärewaren, die zumHandeln aufgefordertwur-
den.UndeswarendieVerantwortlichendesVerbandes, diedenVorfall unter-
suchten, die EntscheidungüberdieVerantwortlichkeit trafenundAbhilfe ver-
sprachen. Funktionäre sind die primären Akteure – oder sie versuchten
zumindest, dieHandlungsfäden inderHandzuhalten.
WAFgegenHakoah
Ein anderer im Zusammenhangmit jüdischer Differenz bemerkenswerter Ver-
ein istdieWienerAssociations-Football-Club (WAF), einerderwenigenWiener
Fußballklubs, bei demmehrmals die Etablierung eines Arierparagrafen disku-
tiert wurde. Im Jahr 1923 kam es bei einem Fußballspiel zwischenWAF und
HakoahzuAuseinandersetzungen,beidenenHakoah-PräsidentKörnerverletzt
wurde.126 DasMatch endetemit einem „Knalleffekt […]: der Präsident der Ha-
koah,eindurchaus friedliebenderHerr, erhieltbeimKabineneingangbeimVer-
such,diewegendesungerechtfertigt erlittenenUnrechts sinnloserregtenSpie-
ler des W.A.F. zu besänftigen, einen Schlag ins Gesicht.“127 Nach späteren
Berichten soll der Angreifer der „langjährige Mittelläufer desW.A.F. Achatzi“
gewesensein.128FürErnstVogel ist inseinersportkritischenKampfschrift„Fuß-
125 Sport-Tagblatt (11. 3. 1927) 4.Vgl.Spitaler,Wiener Sport-Club.
126 Sport-Tagblatt (13.4. 1923) 1f.
127 Sport-Tagblatt (19.4. 1923) 1.
128 Sport-Tagblatt (8. 11. 1923) 7.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918