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232 8 Konflikte
Selbst in dieser Situationhielt die zionistische Stimme an ihrerUnterstützung
des austrofaschistischenRegimes fest, die sich in zahlreichenArtikeln, in de-
nenDollfußgewürdigtundSchuschniggunterstütztwurde,manifestierten:Die
Regierung habe die Behauptung, die Übergriffe seien „jüdisch-marxistischen
Kreisen“ zuzuschreiben, rasch richtiggestellt unddieVerhaftungetlicherNati-
onalsozialisten angeordnet, verkündet in einem„imposante[n] Appell der Va-
terländischen Front, bei welchemder Staatssekretär Zernatto die Schuldfrage
inder eindeutigstenFormbeantwortete“.223 Tatsächlichenthielt dieseAnspra-
che Zernattos aber – im Gegensatz zur Interpretation der Stimme – lediglich
allgemeine Hinweise auf die Fortführung des klaren Kurses der Vaterländi-
schenFront.
ÜberdieOlympischenSpieleselbst,vorallemüberErfolge jüdischerSport-
lerInnen,wurde inderFolgesehrambivalentberichtet:TrotzderBoykottforde-
rungen schwang zumindest verhohlener Stolzmit, wenn geschriebenwerden
konnte: „Alledrei Siegerinnen imDamenflorettfechtensind Jüdinnen“.224Was
inzionistischenMedienansonstenüberdieEreignisse inBerlinselbstberichtet
wurde, war logischerweise äußerst dünn und beschränkte sich auf ironische
Kommentare, in denen die Leistungen etlicher „Neger“ hervorgehoben, jene
der jüdischenSportlerInnen inÖsterreichsTeamkritisiertwurden. „Sang-und
klanglos […]werdendie Ex-HakoahnerKönig undFinczusnachWien zurück-
kommen, von olympischem Lorbeer unbeschwert. Beide fielen schon in den
VorrundenausderKonkurrenz.“225
Was die Konfliktlagen rund um die Olympischen Sommerspiele 1936 in
Berlin imGegensatzzuanderenKontroversenauszeichnet, ist,dassdieDiskus-
sionen,wohlauchwegenderaustrofaschistischenZensur,zumGutteilnichtöf-
fentlichausgetragenwurden:DieProtesteetwadesMakkabigegenOlympia in
Deutschland erreichten kaum die populären Medien; aber auch die Ausboo-
tung Frieds und Schmidts für Berlin 1936 wurde kaum öffentlich, und das
heißt: auch nicht in den zionistischenMedien, verhandelt. Ebensowaren die
massiven antisemitischen Ausschreitungen beim Fackellauf fast nur für jene
nachvollziehbar, die vor Ort dabeigewesenwaren. Nur dieWeigerung einiger
Hakoah-SportlerInnen, an Nazi-Olympia teilzunehmen, war in den zionisti-
schenBlättern– imGegensatzzukurzenMeldungeninderMassen-undSport-
presse–ausführlich thematisiertworden.
223 DieStimme (4.8. 1936) 3.
224 DieNeueWelt (14.8. 1936) 7.
225 DieStimme (11.8. 1936) 3.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918