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weise auf die ExistenzundAusgestaltung vonNetzwerkenauf, derenAnalyse
Rückschlüsse auf umfassendere Beziehungsgeflechte zulässt. Neben berufli-
chenKontakten, etwaderArbeit in der gleichen Firma, der Zugehörigkeit zur
selben Partei und ihrer Vorfeldorganisationen, waren dies nicht zuletzt Netz-
werke aus demBereich des Sports:Wichtige formal definierte und informelle
NetzwerkknotenbildetendieVereineundVerbände, aber auchkonkreteOrte,
wie z.B. das Kaffeehaus, die Zeitungsredaktion oder die Zuschauerränge und
Ehrentribünender Sportplätze.
AusgehendvomWiender JahrhundertwendewurdedaskulturelleFeldder
ZwischenkriegszeitalsZusammenspielvonNetzwerkenunterschiedlicherKrei-
se beschrieben, die sich z.B. durch bestimmte soziale Orte, Kontakte oder
Cashflows definierten.5 Im Unterschied zum Fin de Sièclewaren diese Kreise
kultureller Innovation jedochweniger auf semiprivate Orte wie etwa den Sa-
lon,sondernaufbreitereÖffentlichkeitenhinausgerichtet.Sieumfasstenauch
BereichederPopular-undpolitischen(Gegen-)Kultur.6 ImHinblickaufdieFra-
gestellungen unseres Buchs lässt sich dabei festhalten, dass neben explizit
jüdischen – z.B. religiösen oder zionistischen –Netzwerken auch alternative
„Jewishsocial spaces“bestanden,7derenExistenzsichebenfallsderAuseinan-
dersetzung der Beteiligtenmit Fragen jüdischer Differenz verdankten: Zu den
Projektender gleichberechtigengesellschaftlichenTeilhabe imurbanenRaum
Wiens bzw. demneuen österreichischenNationalstaat, an denen sich zahlrei-
che Jüdinnen und Juden beteiligten, zählte nach 1918 nicht zuletzt der Sport.
AuchMenschen, die sich vom jüdischen Erbe ihrer Familien lösten, konnten
auf dieseWeiseBeziehungenmit „jüdisch“ geprägten kulturellenNetzwerken
aufrechterhalten, die ihnenbei ihrenKarrierenundanderenAspektendesLe-
benshalfen.8
„Mitder ZunahmedesAntisemitismus inderZwischenkriegszeitwurdendieGrenzendes
‚Jüdischen‘ elastischer.Nachdemdieoffene (Selbst-)Zuschreibungals Judeund Jüdin für
vieleweniger erstrebenswertwurde, gewannen soziokulturelle Netzwerke imVerlagswe-
sen,demJournalismus,derPolitikundderWohlfahrt anBedeutung,undwurdenzu (auf
dieseWeise sichtbareren)Kennzeichen jüdischer Identität“.9
5 EdwardTimms, Cultural Parameters between theWars. A Reassessment of the Vienna Cir-
cles. In: DeborahHolmes, Lisa Silverman (Hg.), Interwar Vienna. Culture between Tradition
andModernity (Rochester 2009) 21–31.
6 Timms, Cultural Parameters, 26.
7 Lisa Silverman, The Transformation of Jewish Identity in Vienna, 1918–1938 (New Haven
2004) 12.
8 Silverman, Transformation, 4.
9 Silverman, Transformation, 276,Übersetzungd.V.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918