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Familiäre Netzwerke 235
FamiliäreNetzwerke
IndenStrukturendesorganisiertenSportskamenzumeinenbereitsbestehen-
deVerbindungen auf der Basis familiärer, beruflicher oder freundschaftlicher
NetzwerkezumTragen, zumanderenbildetenseinegemeinschaftlichenStruk-
turen (unter Aktivenwie unter FunktionärInnen) neue Beziehungen aus. Als
besonders gut vernetzt galt der Fußballfunktionär Hugo Meisl.10 An seinem
Beispiel undandemeinigerPersonenaus seinemUmfeld lassensichparadig-
matisch wesentliche Aspekte von Sportnetzwerken aufzeigen. Seinen Eltern
sollMeisl als JugendlicherSorgenbereitethaben,weil er sichweniger für eine
bürgerliche berufliche Laufbahn, sondern in erster Linie für denFußballsport
interessierte.11 Dieser Widerspruch zwischen Sport und beruflicher Laufbahn
warwohlkeineSeltenheit, deshalbunterschiedensichdieNetzwerke imSport
(zumindest bei den um 1890 aufkommendenmodernen englischen „Sports“)
von den stark durch familiäre Bindungen undBeziehungen geprägten klassi-
schenbürgerlichenNetzwerken jüdischerFamilien imWienum1900.Generell
triffthieralsozu,wasEdwardSaiddenBedeutungsgewinn„horizontaler“kul-
tureller Identifikationengegenüber„vertikalen“Identitätennannte:„filiation“,
dieBindunganGeburt,NationundBeruf, verlor im frühen20. Jahrhundert im
Vergleich zu „affiliation“, d.h. „social andpolitical conviction, economic and
historical circumstances,voluntaryeffortandwilleddetermination“anBedeu-
tung.12
Die Beteiligung anden säkularenEnglish Sportsbedeutete für religiös ge-
prägteWiener Juden oft die Emanzipation von ihremElternhaus. Ein Beispiel
ist der spätere Sportjournalist Maximilian Reich, der als Gymnasiast um die
JahrhundertwendevonderFußball-Leidenschaft infiziertwurdeundwieHugo
Meisl unter anderembeidenCricketern spielte.13Als Sohneiner traditionellen
Rabbinerfamilie entschied er sich gegen die vorgezeichnete religiös geprägte
Biografie, heiratete später eine Christin und galt als „schwarzes Schaf der
Familie“.14 Die Begeisterung für den Sportmit eventueller Tätigkeit als Sport-
funktionär ging in dieser Generationnochnicht vondenEltern auf den Sohn
10 Zu seiner Biografie vgl. AndreasHafer, WolfgangHafer, HugoMeisl oder: Die Erfindung
desmodernenFußballs (Göttingen 2007).
11 RobertFranta,WolfgangWeisgram, Ein rundes Leben.HugoMeisl –Goldgräber des Fuß-
balls (Wien 2005) 37.
12 Silverman, Transformation, 13f.
13 Georg Spitaler, DerWeg desMaximilian Reich. Fußball untermHakenkreuz 25. Teil: Der
späteRuhmdes frühenAufdeckers. In: ballesterer 54 (2010) 48f.
14 So seineTochterHenrietteMandl, in:Spitaler,Weg, 48.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918