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oft ganze Absätze, die die prominenten Namen auflisteten. So hieß es zum
Fußball-Cupfinale 1933 zwischenderAustria unddemBrigittenauerAC:
„Aufder Ehrentribünehatten sichVertreter derBehördeneingefunden,wenngleichBun-
despräsidentMiklasundBundeskanzlerDollfußabsagenmußten.Mansah inVertretung
des Bundesministers für soziale VerwaltungMinisterialrat Dr. Nirnberger, dann General
Schiebl, Zentralinspektor der Polizei Dr. Mauder, Gendarmeriezentralinspektor Burg,
Oberst Soré,Major Gruber, Polizeioberkommissar Dr. Hüttl, den Präsidenten desHaupt-
verbandes fürKörpersportKommerzialratDr. TheodorSchmidt,Dr. Fürth,dieFunktionä-
re des Verbandes und der Vereine, Kammersänger Kalenberg usw. Die Preisverteilung
wurde von Dr. Gerö auf der Ehrentribüne durchgeführt, vor der Estrade versammelten
sich die beidenMannschaften, eine Ansprache und die Uebergabe gingen in demLärm
derMassenbeinaheunter.“80
Der österreichische IOC-DelegierteundspätereÖOC-Präsident TheodorSchmidt
wareinerder führendenSportfunktionäre,derdieEhrentribünenahezuexzes-
siv als Ort der sportlichenwie politischenNetzwerkarbeit nutzte.81 In der ge-
meinsamen Bewunderung für die sportlichen Leistungen und unter der Prä-
misse eines scheinbar „neutralen“ Sportgeschehens ließen sich auf solchen
männlichdominiertenEhrentribünengutbelangloseGesprächeführen,dieun-
ter Umständen jedoch – über politische, weltanschauliche Differenzen hin-
weg– rasch zuVertiefungender Kontakte führenundmehr oderminder lose
Netzwerkeetablierten,dieman imBedarfsfall aktivierenkonnte– inBelangen
desSports genausowie etwa fürGeschäftsbeziehungen.
InternationaleNetzwerke
Internationale Vernetzungwar ein zentrales Element im Sport der Zwischen-
kriegszeit. Im österreichischen Sport existierte die spezielle Situation einer
übermächtigen Metropole, die kaum innerösterreichische Bezugspunkte auf-
wies. Besonders eklatantwardas imSpitzenfußball, der eine reinwienerische
Angelegenheitdarstellte. TrotzanfänglicherSchwierigkeiten, andieSportkon-
takte aus Zeiten der Monarchie anzuknüpfen, wurde internationaler Aus-
tausch,besondersmitBudapestundPrag, raschwichtigeralsdieBeziehungen
zur „Provinz“. Speziell – aber keineswegsnur – imFußball entwickelten sich
weit eher transnationale Netzwerke zu diesen beiden anderenMetropolen als
80 Sport-Tagblatt (26.5. 1933) 1.
81 MatthiasMarschik, Theodor Schmidt. Ein jüdischer „Apostel derOlympischen Idee“ (Jüdi-
scheMiniaturen 125, Berlin 2018).
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918