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näre–auch jeneausdemsozialdemokratischenLager–weitgehendzutrafen.
Die Grenzen zwischen den Netzwerken verliefen zumindest im Fußball nicht
immer entlang von Vereinspräferenzen, aber auch kaum entlang der Grenze
jüdisch/nichtjüdisch. Entscheidender erwies sich etwa die Unterscheidung
zwischenArbeitersport undbürgerlichemSport,wobei geradeHugoMeisl da-
für bekanntwar, trotz seiner klaren Zuwendung zum„bürgerlichen“ Sportge-
schehen stetsmit beiden Lagern ein gutes Auskommen zu finden. ImGegen-
satzzumGeschehenimFußball spieltennichtjüdische,zumTeilauchdezidiert
antisemitische Netzwerke in anderen Sportarten (etwa Alpinismus, Skilauf,
Turnen,Rudern,Radfahren)eineweitgrößereRolle.SiebildetenzumTeilwie-
derumauch dieMotivation für die Bildung expliziter jüdischer Netzwerke im
Sport,wennArierparagrafenoder impliziteAusschlussmechanismeneineTeil-
habevon Judenund Jüdinnenerschwertenoder verunmöglichten.
Gerade inSportvereinenmit geringenZugangsschrankenengagierten sich
hingegen–wie indersozialdemokratischenArbeiterInnenbewegung–seitder
JahrhundertwendeüberdurchschnittlichvieleWiener Juden (undeinige Jüdin-
nen). Das gilt auf der Ebene der Aktiven, aber nicht zuletzt auch für jene der
FunktionärInnen. In diesem Sinn können Sportvereine und -verbände durch-
aus als Teil jener widersprüchlichen, impliziten und vielschichtigen „Jewish
social networks“110 verstanden werden, die sich als soziale und politische
Emanzipationsbewegungen rund um Fragen jüdischer Differenz organisier-
ten.111
BiszumMärz1938arbeiteten JudenundNichtjuden inrelativvielenSport-
vereinen und Verbänden eng zusammen, es gab bis zum „Anschluss“ recht
stabile Netzwerke, in denen Juden und Nichtjuden gleichermaßen vertreten
waren. EinBeispiel dafür ist das „Zehnerkomitee“ imFußballverband, das im
Februar 1938 installiertwurde, umdie TeilnahmeÖsterreichs ander Fußball-
Weltmeisterschaft in Frankreich vorzubereiten. Es setzte sich zusammen aus
RichardEberstaller, JosefGerö, JosefSchindler, LeoSchidrowitz,DionysSchö-
necker, Otto Pöschl, Josef Liegl, Robert Lang, Arthur Kolisch und Luigi Huss-
ak.112 DasKomiteewar also paritätisch ausNichtjudenundFunktionären, die
als Judenoder inNS-Diktionals „Mischlinge“galten, gebildetworden.
Nachdem„Anschluss“wurden die jüdischen Funktionäre aus derUmge-
bung Eberstallers radikal entfernt: Zur Begrüßung der deutschen National-
110 Silverman, Transformation, 12.
111WolfgangMaderthaner, LisaSilverman, „WienerKreise“. Jewishness,Politics, andCulture
in Interwar Vienna. In: DeborahHolmes, Lisa Silverman (Hg.), Interwar Vienna. Culture be-
tweenTraditionandModernity (Rochester 2009) 59–80,hier 72.
112 Fußball-Sonntag (20.2. 1938) 3.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918