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Nach 1938: Netzwerke der Flucht 265
Manuskripts begann.125 Gleichzeitig kontaktierte Reich auch Friedrich Adler,
denSohndesSDAP-ParteigründersVictorAdlerund langjährigenSekretärder
SozialistischenInternationale (SAI) inBrüssel.Reichberichtetedemführenden
Sozialdemokraten vomSchicksal einiger Parteigenossen und anderer öffentli-
cher Personen in Dachau und der ungleichen Behandlung von „Ariern“ und
jüdischen Insassen.126 Reichwar nicht religiös in einemengeren Sinn, jedoch
glaubteeraneinenGott,127 denNS-Rassenbegriffhielt er fürunwissenschaftli-
che Ideologie. So hieß es in seinemManuskript: „In Mitteleuropa und jetzt
wohlschoninderganzenWeltweißman,wasHitlerundseineSchergenunter
einemArier verstehen und das ist Gesetz,mögen die Rassenforscher noch so
einwandfrei nachweisen, daß es so etwas wie eine arische Rasse weder gibt
nochgebenkann.“128 Adler, der selbst seit seinemMordanschlag auf denk.k.
Ministerpräsidenten Stürgkh im Ersten Weltkrieg immer wieder antisemiti-
schen Angriffen ausgesetzt war, beschrieb die Berichte aus den KZs und der
„Judenhetze imNovember“ – demNovemberpogrom 1938 – im Briefwechsel
mit Reich als „im tiefstenaufwühlend“.129 Reich ersuchteAdler umUnterstüt-
zungbeiderVerlagssuche für seinBuchund ließWillyMeisl fertigeKapitel an
Adler senden.130Unzufriedenmit derUnterstützungMeisls, dessenBemühun-
gen ihm „zuwenig durchsetzungskräftig“ erschienen, bat er Adler umHilfe:
„Dr.Meisl, der IhnendasManuskript aufmeinErsuchengeschickt hat, kennt
sich indiesenDingenscheinbarnicht viel besser ausals ichunddeshalbbitte
ich Sie, sehr geehrter Herr Doktor, wenn es Ihnen geboten erscheint, in dem
bewussten Verlag vielleicht nachzuhelfen.“131 Gemeint war das Unternehmen
des antifaschistischenbritischenVerlegersVictorGollancz, der dasBuchaber
imMärz 1939 ablehnte.132 Adler setzte sich u.a. in der Schweiz beimVerleger
Emil Oprecht für ReichsManuskript ein,133 die Veröffentlichung scheiterte je-
doch. Schließlich blieb es bei einer finanziellen Unterstützung des Projekts
durch Adler, die zumindest eine professionelle Übersetzungmöglichmachen
sollte. Kurz vor Kriegsausbruch, am Tag des Hitler-Stalin-Paktes im August
1939,dankteReichAdler fürdiegeleisteteHilfe,schwankendzwischen„Energie
undTatendrang“undderUngläubigkeitüberdieneueaußenpolitischeSituati-
125 VGA,Adler-Archiv, BriefMaxReichanFriedrichAdler 3. 1. 1939.
126 VGA,Adler-Archiv, BriefMaxReichanFriedrichAdler 16. 12. 1938.
127 Vgl.Reich, Zweier ZeugenMund, 295.
128 Reich, Zweier ZeugenMund, 90.
129 VGA,Adler-Archiv, Brief FriedrichAdler anMaxReich, 10.4. 1939.
130 VGA,Adler-Archiv, BriefWillyMeisl anFriedrichAdler 17. 2. 1939.
131 VGA,Adler-Archiv, BriefMaxReichanFriedrichAdler 21. 2. 1939, 26. 2. 1939.
132 VGA,Adler-Archiv, BriefWillyMeisl anFriedrichAdler 11. 3. 1939.
133 VGA,Adler-Archiv, Brief FriedrichAdler anMaxReich, 10.4. 1939.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918