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Jüdischer Sport nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich 271
diestaatlichangeordnete,zwangsweiseVerschickunginGhettosoderKonzent-
rationslager)österreichischer JudenundJüdinnennachPolenbzw. indas„Ge-
neralgouvernement“.20
Auf staats- und völkerrechtlicher Seite mündete der „Anschluss“ in eine
weitgehendeGleichschaltung, Eingliederung undAngleichungÖsterreichs an
dasDeutscheReich.Die Liquidierung eines eigenständigenÖsterreichswurde
vonHitlerbereitsam13.März1938festgelegtundimApril 1938beimperErlass
ernannten Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem
Deutschen Reich, Josef Bürckel, einem langjährigen deutschenNSDAP-Funk-
tionär,beauftragt.21DiesesVorhabenzogeineFülleanErlässen,Verordnungen
undGesetzen und eineNeuorganisation des gesamten politischen und admi-
nistrativenSystemsnachsich.Es fanderstam31.März1940seinenAbschluss,
alsÖsterreichals einheitlicherVerwaltungskörper zubestehenaufhörte.22
Von besonderer Relevanz für den Bereich des vereinsmäßig organisierten
SportswarendievonBürckelgetroffenenVerfügungenzumZweckderNeuaus-
richtungdesVereinswesens:Unmittelbar nachdem„Anschluss“wiesBürckel
zunächstdie„Stilllegung“ jeglicherTätigkeit allerösterreichischenVereinean.
InderFolgewurdeeinezwischenBehördeundParteiorganisationangesiedelte
NS-Dienststelle zur politischenGleichschaltung der Vereinslandschaft im ein-
gegliederten Österreich geschaffen – der sogenannte Stillhaltekommissar –
unddirektBürckelsReichskommissariat fürdieWiedervereinigungÖsterreichs
mit demDeutschenReichunterstellt.
DasVorhabeneinerNeuausrichtungdes inÖsterreich festverankertenVer-
einswesenserstauntnicht:VereinegaltenalsOrtederKonspirationundpoliti-
scherUnterwanderung,23 schließlichhattennicht zuletzt Parteiorganisationen
derNSDAP in der Zeit ihrer Illegalität an die Gründung von Tarnvereinen ge-
dacht. Ihre Brachialorganisationen etwa sollten als Sportvereine fortgeführt
werden.24Fürdie jüdischenVereinehattesichdemgemäß(undaufgrundderen
20 Vgl. JosephW.Moser, JamesR.Moser (Hg.), JonnyMoser:Nisko.Dieersten Judendeportati-
onen (Wien 2012);Stuhlpfarrer, Judenfeindschaft, 174f.;Botz, Stufen, 373.
21 Tálos, Liquidierung, 57–62.
22 Tálos, Liquidierung, 69; vgl. auchGerhardBotz,Wienvom„Anschluss“ zumKrieg.Natio-
nalsozialistischeMachtübernahme und politisch-soziale Umgestaltung amBeispiel der Stadt
Wien 1938/39.Mit einemeinleitendenBeitragvonKarlR. Stadler (Wien/München1978)429ff.
23 Vgl. etwadiealsGeselligkeitsvereinegetarntenFortführungenvon1934aufgelöstenArbei-
tersportklubs.MatthiasMarschik, TurnenundSport imAustrofaschismus (1934–1938). In:Em-
merich Tálos, Wolfgang Neugebauer (Hg.), Austrofaschismus. Politik – Ökonomie – Kultur
1933–1938 (Münster/London/Wien 52005) 372–389, hier 380.
24 Christiane Rothländer, Die Anfänge der Wiener SS (Wien 2012) 308; MatthiasMarschik,
Sportdiktatur. Bewegungskulturen imnationalsozialistischenÖsterreich (Wien 2008) 97.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918