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276 10 Nach dem „Anschluss“
rund20jüdischenSportvereine–undüber300StiftungenverfügtederStillhal-
tekommissar imRahmen der nationalsozialistischen Reorganisation zunächst
einemassive Dezimierung.47 Die Mehrzahl der jüdischen Vereine wurde sehr
rasch aufgelöst und etwaiges Vereinsvermögen, sofern nach den „wildenAri-
sierungen“undVermögensverschiebungender erstenWochennachdem„An-
schluss“ solches noch vorhandenwar, zu 100 Prozent eingezogen. Lediglich
zionistische, das heißt auf die Auswanderung der jüdischen Bevölkerung ab-
zielende Vereinigungen wie etwa jene, die Umschulungskurse anboten, oder
Fürsorgevereine unter Aufsicht der IKG konnten vorerst nochweiterbestehen.
Mit Beginnder systematischenDeportationen im Jahr 1941wurden aber letzt-
lich alle noch bestehenden jüdischen Vereine und Vereinigungen sukzessive
aufgelöst.48 Die Tätigkeit des Stillhaltekommissars wirkte hier gleichsam als
Instrumentder „Entjudung“.
OrganisatorischeVeränderungen imBereichdesSports nach
dem„Anschluss“
AbMitteder1920er-Jahrehatte„jederOrt, jenachsozialerundpolitischerKon-
stellation, zwei oder drei Turn-undetlicheSportvereine.“49DieseVereinewa-
ren inderZeitdesAustrofaschismusnachderAusschaltungdesArbeitersports
(ASKÖ) imJahr 1934,nach ideologischmotiviertenEinschränkungenbeiFrau-
ensportvereinenundnachgeringfügigenEinschnittenbeimdeutschnationalen
Turnerbund inder imHerbst 1934eingerichteten, autoritär geführtenÖsterrei-
chischen Sport- undTurnfront (ÖSTF)50 zusammengefasstworden.51 Die rund
20 in diesemZeitraumbestehenden, vorrangig zionistischen jüdischen Sport-
vereine inÖsterreichwarenmehrheitlich im1913gegründeten JüdischenTurn-
undSportverbandÖsterreichs im„Makkabi-Weltverband“,dernationalenVer-
47 Duizend-Jensen,Gemeinden, 17, 48f., 97ff.; Juraske, Vereine, 43–61, hier 55–59.
48 Duizend-Jensen, Gemeinden, 120f.; Lichtblau, Integration, 521f.; Pawlowsky, Einschluss,
272f. Vgl. auch Rothkappl, Zerschlagung, 85–97. Die IKG selbst wurde am 31. Oktober 1942
eingestellt unddurchden „Ältestenrat der Juden inWien“ abgelöst. Lichtblau, 532; vgl. auch
Bericht des Präsidiumsder IsraelitischenKultusgemeindeWienüber die Tätigkeit in den Jah-
ren 1945bis 1948,Wien 1948, 1.
49 Marschik, Turnen, 374.
50 Bundesgesetzblatt (BGBl) II 362/1934; die Durchführungsbestimmungen finden sich in:
Österr. Sport- und Turnfront (Hg.), Sportjahrbuch 1935. 4. Jahrgang des Körpersport-Jahr-
buchesdesÖsterreichischenHauptverbandes fürKörpersport (Wien 1935) 5–20.
51 Marschik, Turnen, 375f.;Österr. Sport- undTurnfront, Sportjahrbuch, 319f.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918