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Jüdischer Sport nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich 279
Der Sportbetrieb der jüdischenVereine selbst kam zumvölligen Erliegen,
dadieTurnhallen jüdischerKlubs indenerstenTagennachdem„Anschluss“
beschlagnahmt, versiegelt und alle Sportgeräte nicht-nationalsozialistischer
Turnvereinigungen (u.a. durchdenDeutschenTurnerbund)65 gesammelt und
gemeinsam deponiert wurden. Neben den Trainingsstätten wurden auch die
Klubheime jüdischer Vereine auf Anweisung der Gestapo oder anderer NS-
Organisationen gesperrt und konnten nicht mehr betreten werden. Mehrfach
mussten die Schlüssel der Vereinslokale von denVereinsvorständen selbst in
der nächsten Polizeistation abgeliefert werden. Im Zuge dieser dem „An-
schluss“ folgenden„wildenArisierungen“wurden inderRegeldieverschiede-
nen Vermögenswerte der Klubs beschlagnahmt und die Vereinskonten und
Sparbücher kassiert66 sowie durch die Gestapo polizeiliche Vereinsauflösun-
genangeordnet.67Dieab 16.März 1938wirksameRuheanweisungdesStillhal-
tekommissars,die InstallationvonkommissarischenLeiternunddiedamitein-
geschränkte Verfügungsgewalt der Vereine über ihre Sportplätze nutzte die
NSDAPzur Spielfeldbeschaffung für ihre eigenenParteiorganisationen.68
MitteApril 1938wurdedie (D)ÖSTF indenDeutschenReichsbund für Lei-
besübungen (ab Dezember 1938: Nationalsozialistischer Reichsbund für Lei-
besübungen, NSRL) unter dem SA-Gruppenführer Hans v. Tschammer und
Osteneingegliedert.69Beauftragter fürdasThemenfeldLeibeserziehungenwur-
deSS-GruppenführerDr.FriedrichRainer.70AuchderÖsterreichischeFußball-
Fußball in der NS-Zeit. Zwischen Vereinnahmung und Resistenz (Wien 1998) 88ff; Jakob
Rosenberg, Georg Spitaler, Grün-weiß untermHakenkreuz. Der Sportklub Rapid imNational-
sozialismus (1938–1945).UnterMitarbeit vonDomenico JaconoundGeraldPichler (Wien 2011)
57.
65 ÖStA,AdR, ZNsZStikoWien, 31-N 2.
66 ÖStA, AdR, ZNsZ StikoWien, 31-N 2 und 31-N 14;Betz, Platzeröffnung, 162f.;Rosenkranz,
Verfolgung, 154f.;Rothkappl, Zerschlagung, 85–87. EinähnlichesSchicksal erlitten etwaauch
diekatholischenchristlich-deutschenTurnvereine.Vgl.GretlKöfler,AuflösungundRestitution
von Vereinen, Organisationen und Verbänden in Tirol (Veröffentlichungen der Österreichi-
schenHistorikerkommission 21/3,Wien/München 2004) 69f.
67 Vgl. dazuetwadasBeispiel derHakoah-Vereine imAnschluss.
68 Vgl.Marschik, Sportdiktatur, 229f., 441f., sowieBetz, Platzeröffnung, 168; ebensowarder
Turnsaal des Makakabi Wien IX im September 1938 von einer SA Reiter-Standarte besetzt.
ÖStA,AdR, ZNsZStikoWien, 31-N 2;Duizend-Jensen,Gemeinden, 59f.
69 Marschik, Sportdiktatur, 144–148; JohannesHochsteger, Biographische Studie zu österrei-
chischenSportidolenvon1933–1945 (Dipl.-Arb.Univ.Wien2014) 26;HajoBernett, Sportpolitik
imDrittenReich.AusdenAktenderReichskanzlei (Schorndorf bei Stuttgart 1971) 95–99.
70 Handbuch Reichsgau Wien 65./66. Jg. (Wien 1944) 69, online unter http://www.digital.
wienbibliothek.at/wbrobv/periodical/pageview/1492769 (April 2017).Vgl. zuRainer auchMar-
schik, Sportdiktatur, 94ff.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918