Seite - 280 - in Sportfunktionäre und jüdische Differenz - Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
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280 10 Nach dem „Anschluss“
Bund (ÖFB) erfuhr diese Eingliederung.71 AbMai 1938 beganndie eigentliche
Tätigkeit desStillhaltekommissarsund jenenichtjüdischenVereine, die eigen-
ständig bestehenbleibenwollten, hatten bei dieser Stelle eine entsprechende
FreistellungzuerwirkenunddieEinheitssatzungendesDeutschenReichsbun-
des für Leibesübungen zu übernehmen, die sich bei der Ämterbestellung am
„Führerprinzip“ orientierten.72 Zur Tilgung der Worte „Österreich“ und „Ge-
werkschaft“ ausdenVereinsnamenergingenentsprechendeÄnderungsauffor-
derungen.73NichtjüdischeSportvereine,dievomStillhaltekommissaraufgelöst
wurden, erfuhren in der Regel eine Einweisung in den entsprechenden deut-
schen Verein oder Dachverband.74 Wander- und Alpinvereine wurden etwa
mehrheitlich aufgelöst und ihr Vermögen demDeutschen Alpenverein einge-
wiesen.75 Zudemwurde der alsmit der NS-Ideologie nicht vereinbar geltende
professionelle Mannschaftssport verboten – dies traf insbesondere den Fuß-
ball, aber auchdenSkisport, dessenBerufslehrerverband zurAuflösungkam.
WeiterskonntenFrauen1938nichtmehr zurSkilehrerprüfungantreten.Ande-
re Sportarten wie Boxen, Golf oder Radfahren konnten hingegen weiterhin
hauptberuflich betrieben werden.76 Die Jugendarbeit der Sportvereine wurde
organisatorisch indieHitlerjugendeingebunden.77Turn-undSportvereinedes
NS-Reichsbundes für Leibesübungen durften „an die Reinheit des deutschen
Blutes“ab1939außerdemstrengereAnforderungenstellen,alsesdieNürnber-
gerGesetze vorsahen.78
Der Stillhaltekommissar erfasste in seiner Klassifikation insgesamt
808 (nichtjüdische) Vereine als Sportvereine.79 Per 26. Juni 1939 war die Ab-
wicklung dieser Klubs abgeschlossen. In der Kleinen Volkszeitungwurde am
10. August 1939 verlautbart, dass „560 Vereine der Gruppe, die sichmit ver-
schiedenenArtenvonKörpersportbefassen, […]unterWahrungihrerSelbstän-
71 Marschik, Sportdiktatur, 148; Joachim Steinlechner, I werd’ narrisch! Österreichs Fuß-
ballk(r)ampf gegenden„großenBruder“Deutschland–zwischenMythosundSkandal (Wien
2008) 46.
72 Vgl. etwaBernett,Weg, 30;Pawlowsky et al., Vereine (Onlinefassung) 131, 195;Pawlowsky,
Einschluss, 271;Rosenberg,Spitaler, Grün-weiß, 68.
73 Vgl. etwaWStLA 1.3.2.119.A32, Zl.1065/1922 (Wiener Allround Sportklub), Schreiben vom
26.6. 1939. Ferner:Marschik, Nutzen, 92.
74 Pawlowsky et al., Vereine (Onlinefassung) 195;Köfler, Auflösung, 67–75.
75 Pawlowsky et al., Vereine (Onlinefassung) 196f.;Köfler, Auflösung, 73ff.
76 Hochsteger, Studie, 29;Marschik,Sportdiktatur, 157, 161, 166, 256f.;Marschik,Nutzen,97f.;
Rosenberg, Spitaler, Grün-weiß, 102ff. ZumVerbot von Frauen imSkisport insb. Neueste Zei-
tung (Innsbruck, 1.6. 1938) 7.
77 Rosenberg,Spitaler, Grün-weiß, 70.
78Walk, Sonderrecht, IVRz49.
79 Pawlowsky et al., Vereine (Onlinefassung) 195.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918