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292 10 Nach dem „Anschluss“
wüchsedersichverbreitendennationalsozialistischen Ideologie trafendieVer-
einsmitglieder imVerlaufderbeidenJahrzehnte inzunehmendemAusmaßund
überstiegen Formen der sportlichen Rivalität insbesondere bei Begegnungen
mitnationalsozialistischdurchsetztenVereinenwieetwademdeutschnationa-
lenErstenWienerAmateurSport-Club (EWASC).143 1933kames imZuge terro-
ristischer Akte österreichischer Nationalsozialisten zu einer Brandlegung am
Hakoahplatz.144 Antisemitische Übergriffe kulminierten auch anlässlich des
FackellaufsmitdemOlympischenFeuer, alsdieses im Jahr 1936Wienpassier-
te.145 Dennoch ging der Sportbetrieb weiter. Der vielfach diskutierte Boykott
der Olympischen Spiele in Berlin 1936 durch die Schwimmerinnen Ruth Lan-
ger, Judith Deutsch und Lucie Goldner146 setzte ein sichtbares Zeichen gegen
Hitlerdeutschland,dennoch fuhrenHakoahmannschaften selbst inden Jahren
1936 und 1937 weiterhin zu Wettkämpfen mit jüdischen Vereinen nach
Deutschland.DieantisemitischeStimmunginÖsterreichwurdevondenSport-
lerInnen unterschiedlich wahrgenommen. Das Spektrum reichte von einer
weitgehenden Negierung der sogenannten „Judenfrage“ bis zum von diesem
Thema bestimmten Blick auf die Außenwelt.147 Der Hakoah-Handballer und
langjährige spätereVereinspräsidentErichSinai hielt dazu in einem Interview
retrospektiv fest:
„EswarenAnzeichen genugda. [...] [Aber]manhat geglaubt: Österreich hat die Schutz-
herrschaft von Italien,148 es wird uns nichts passieren. Und eswird schon nicht so arg
sein. [...] Ich verstehe es heute nicht, dass man damals nicht daran geglaubt hat, dass
daskommenwird. [...] Abermanhat esnicht gesehen, odernicht sehenwollen.“149
„Hakoahaufgelöst“
AbMärz 1938bedeutetendieMachtergreifungderNationalsozialistenunddie
folgendeLegalisierungbzw.derAusbaunationalsozialistischerNormen inÖs-
143 Vgl. dazuKapitel 8.
144 Rothländer, SS, 378.
145 Betz, Platzeröffnung, 161;Marschik, Turnen, 381f.; vgl. auchKapitel 8.
146 Vgl. etwaPropp,Maidens, 81–93;Bunzl,Hoppauf, 116–121.
147 PeterPulzer,Nachwort. In:HansTietze,Die JudenWiens.Geschichte–Wirtschaft –Kul-
tur (Wien [1933] 2008) 290–310, hier 300; John, Code, 121–142; Steven Beller, Wien und die
Juden 1876–1938 (Wien 1993) 85ff.;Lichtblau, Integration, 510f.
148 Gemeint ist dieFörderungdesaustrofaschistischenRegimesdurchdieRegierungMusso-
linis in Italien, die bis zum Jahr 1936, als Italien und NS-Deutschland sich außenpolitisch
annäherten, die staatlicheEigenständigkeitÖsterreichs gegenüberDeutschlandunterstützte.
149 InterviewderAutorinmitErichundKittySinaiam29.7. 2008, sieheBetz, Platzeröffnung,
162f.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918