Seite - 294 - in Sportfunktionäre und jüdische Differenz - Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
Bild der Seite - 294 -
Text der Seite - 294 -
294 10 Nach dem „Anschluss“
BorgstattfindensollteunddasnunnachderAuflösungdesKlubsnichtmehrabgehalten
werdenkann.“153
Die vomTouristik- und SkiklubHakoah betriebene Berghütte am Semmering
wurde nach dem „Anschluss“ ebenfalls ein Objekt antisemitischer Bereiche-
rungsstrategien. Örtliche Nationalsozialisten stürmten das Gebäude, entfern-
tenVereinsabzeichenund jüdischeSymbole, kurzdaraufnahmdieSportsekti-
onderGestapoMürzzuschlagdie Liegenschaft für eigeneZwecke inBeschlag.
Mit 1. Juni 1938wurdedasHaus fürdasDeutscheReicheingezogenund inder
Folge vonderPolizeisportvereinigungWiengenutzt.154
MitdemTeilnahmeverbotamSportgeschehen,derKonfiszierungderKlub-
räumlichkeitenundderAbsagevonKlubveranstaltungenkamdasehemals le-
bendigeVereinslebenderHakoah-VereineabruptzumStillstand.„DasHakoah-
Vereinslebenwarmitdem,Anschluss‘aus“,erzählteErichSinai,„daswarweg.
[...] Seit dem Einmarsch vonDeutschland habe ichmit niemandemmehr ge-
sprochen.“155 Die sozialen Kontakte zwischen den Vereinsmitgliedern waren
unterbrochen,dieSportlerInnenmusstenderBewältigungdesAlltags imnati-
onalsozialistischenWienunddenaufwändigenVorbereitungen füreinemögli-
che Auswanderung nachgehen. Die Anzahl der möglichen Treffpunkte war
nachBeschlagnahmeder Klubräumeundder Limitierungder Bewegungsfrei-
heit im öffentlichen Raum für Jüdinnen und Juden zudem äußerst reduziert.
ErichSinaikonnte trotzdieserEinschränkungenKontakte zuHakoahnerInnen
für sichnutzen, die er imApril 1938beimSchwimmen traf. Von ihnenbekam
er den Tipp, dass die Einreise nach Lettland noch ohne Visummöglichwar,
wohin Sinai imMai 1938 auch tatsächlich floh.156 Auch andereHakoahnerIn-
nen nutzten Vereinskontakte für ihre Flucht bzw. halfen ehemaligen Vereins-
kollegInnen bei ihren Emigrationsbemühungen. Ignaz Körner, langjähriger
Präsident der Hakoah, setzte sich dahingehend vor seiner Emigration nach
Palästina in der imMai 1938wiedereröffneten IKG ein, ebenso half Valentin
Rosenfeld vielenHakoah-SportlerInnenbei ihrer Fluchtundgewannden ihm
persönlichbekanntenSigmundFreudalsTestimonial für seineLondonerRet-
tungsaktion.157 Die Proponentinnen des 1928 anstelle der Hakoah-Schwimm-
153 Selbstwehr. JüdischesVolksblatt Jg. 32,Nr. 11 (17. 3. 1938) 8.Abgedruckt in:Betz, Platzer-
öffnung, 150.Vgl. dazuauchDieKleineVolkszeitung (13. 3. 1938) 24.
154 Betz, Platzeröffnung, 165.
155 InterviewderAutorinmit ErichundKitty Sinai am 29.7. 2008, vgl.Betz, Platzeröffnung,
166.
156 Betz, Platzeröffnung, 166.
157 Library of Congress, Sigmund Freud Papers, Topic: Valentin Rosenfeld 1967, Valentin
Rosenfeld an Kurt Eissler am 13.8. 1967, 9, online unter https://www.loc.gov/item/
mss3999001666(5. Juli 2018);Topic:MaccabiWorldUnion1939,SigmundFreudandieMacca-
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918