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Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik und Georg Spitaler
11 Resümee
InunseremProjekthabenwirdasFelddesSports imWienderZwischenkriegs-
zeitalsspezifischenpopulärkulturellenRaumjüdischerEmanzipationbetrach-
tet. Fassen wir die wichtigsten Ergebnisse unserer Forschungen zusammen,
zeigt sichzunächst,dass Juden(undJüdinnen) inWien inderZwischenkriegs-
zeit inmodernen,urbanenSportarten inquantitativ signifikantenAnteilenak-
tiv waren.Während sie ab den 1890er-Jahrenmit Ausschlussmechanismen –
durchexpliziteoder implizite„Arierparagrafen“–auseinigenSportdisziplinen
und vor allemaus der Turnbewegung sukzessive vertriebenwurden, konnten
siesich inbestimmtenmodernenenglischensportszunehmendetablieren.Das
Projekt konnte für die untersuchten Sportarten 633 jüdische FunktionärInnen
namhaft machen, die zwischen 1918 und 1938 inWien in Sportvereinen und
Verbänden tätigwaren.Nebenden jüdischenVereinen ließen sichdabei auch
indenmeisten jenerVerbändeundVereine jüdische FunktionärInnen finden,
diegemeinhinalsnichtjüdischbezeichnetwurden.Sohattenetwaallegroßen
Fußballvereine,mitAusnahmedesWienerSport-Clubs, jüdischeVorstandsmit-
glieder.
Ein Zielwar es, die KarrierewegeundbiografischenDaten der untersuch-
tenSportfunktionäre imHinblickaufeinekollektivbiografischeAuswertungzu
untersuchen. Wir fragten danach, welche kollektiven Muster der beteiligten
PersonenbezüglichderStrategien ihrerSelbst-undFremdpositionierungen im
Hinblickauf jüdischeDifferenzexistiertenundwie sichdiese inFormvonHa-
bitus und Netzwerken äußerten. Im Folgenden soll dies nun anhand einiger
Beispieledargestelltwerden.EinwichtigesErgebnisunsererForschungbetrifft
zunächst die Bedeutung des politischen Antagonismus Sozialdemokratie vs.
bürgerlicheGegner, diebis 1933/34diedominanteTrennlinie imWiener Sport
darstellte.Dieseüberschnitt sich zwarmit Fragenvon jüdischerDifferenzund
Antisemitismus, konnte sie aber auch überlagern. Auf beiden Seiten fanden
sich Funktionäre aus jüdischen Familien, deren Selbst- und Fremdbilder sich
jedoch mehrfach unterschieden. Schon innerhalb des sozialdemokratischen
Arbeitersports existierten unterschiedliche Entwürfe des Umgangs mit jüdi-
scherDifferenz:Verfolgtenprominente Funktionärewie der ausder Kultusge-
meindeausgetreteneASKÖ-ChefundsozialdemokratischeSpitzenpolitiker Juli-
usDeutscheinProjekt jüdischer„Assimilation“, indemdiepolitische Identität
alsSozialdemokratundMarxistkeinenPlatz füreinepositiveBezugnahmeauf
das Judentum ließ, so blieben andere Repräsentanten des ArbeiterInnenports
Zeit ihresLebensMitgliedder IKG,wiez.B.derzeitweiligePräsidentdesWiener
Open Access. © 2019 Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik und Georg Spitaler, publiziert von
De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0
International Lizenz (CC BY 4.0).
https://doi.org/10.1515/9783110553314-011
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918