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324 11 Resümee
Lloyd.19 So bot Körner Purim- undPessach-Reisen von Triest nach Palästina
an.20 Im Jahr 1938überschnittensichdieReisetermine (9.Märzbzw.6.April)
mit dem „Anschluss“. Sowurde diese Tätigkeit Körners für jüdischeWiene-
rinnen undWiener zu einer existenziellen Angelegenheit. Im Oktober 1938
wanderte er selbst „unter Zurücklassung seines gesamtenBesitzesmit gerin-
genMitteln versehennachPalästina aus“.21
(4) VomArzt Rudolf Brichta, Präsident der Admira in den ersten Jahren
nach dem Ersten Weltkrieg, später Vizepräsident des ÖFB und Intimus von
Teamchef HugoMeisl, warwohl in Floridsdorf allgemein und inWien jeden-
falls bei denmeisten Fußballinteressierten bekannt, dass er Judewar.22 Nach
außenerkennbarwardiesetwadurchseineHeirat imFloridsdorferTempel im
Dezember 1903 oder posthumdurch seine (eingangsbereits erwähnte) Bestat-
tung auf dem jüdischenFriedhof in Floridsdorf.23 In denSport- undTageszei-
tungenwurde er aber kaumexplizit als „Jude“kenntlichgemacht,mit zumin-
desteinerAusnahme:EineKarikatur im IllustriertenSportblattzeigtHugoMeisl
beim Nachdenken über die Teamzusammensetzung, unterstützt von Brichta,
der ihmeineFlaschemit jüdischen„Ezzes“ reicht.24
Indem Brichta und Meisl eindeutig mit jüdischen Attributen gezeichnet
wurden, sollte wohl gezeigt werden, dass die Geschicke des österreichischen
Fußballs in jüdischerHand lagen–mitdemambivalentenBilddes„schlauen“
Juden.AndersalsMeislentschiedsichBrichtanachderTrennungderbürgerli-
chenundsozialdemokratischenFußballverbände fürdieSeitedesArbeiterfuß-
balls,war inder EndphasederKooperationabernochÖFB-Vizepräsident und
Verbandsarzt. SeineTeilnahmeanderReise zumLänderspielnachSpanien im
Dezember 1924 nahm die christlichsoziale Reichspost zum Anlass beißender
Kritik anBrichta und anderen sozialdemokratischenMitgliedernderDelegati-
on, die nicht mehr mit der bürgerlichen Sportbewegung zusammenarbeiten
wollten, sichaber „aufKostenderBourgeoissportler eine schöne, billigeReise
durch halb Europa“ finanzieren ließen.25 Hier zeigt sich wieder die stärkste
19 z.B. LehmannsWohnungsanzeigerWiener Adreßbuch, Band 1 (Wien 1935) 659. Im Leh-
mannerscheintunterKörnersNamedasReisebüro imJahr1930zumerstenMal.Esorganisier-
teauchReisenohnePalästina-Bezug,etwazumFußball-LänderspielÖsterreichgegenEngland
inLondon, sieheSalzburgerChronik (21. 11. 1932) 6.
20 DieStimme. JüdischeZeitung (2. 3. 1938) 1.
21 Körner, Lexikon, 122.
22Wiener Stadt- undLandesarchiv 2.5.1.4.K11,MeldezettelDr. Rudolf Brichta (30.8. 1909).
23 Indexder JüdischenMatrikenWienundNÖ,Nr. 198788, Zahl 25, Zusatz zur Zahl 91 (8.12.
1903), onlineunter https://www.genteam.at,Arbeiter-Zeitung (7.Mai 1929) 4.
24 Illustriertes Sportblatt (18.8. 1923) 16.
25 Reichspost (23. 12. 1924) 9.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918