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326 11 Resümee
religiösen Sinn als Jude, im nationalen als Deutscher und im politischen als
Sozialdemokrat verstand. An ihm zeigt sich auch das diffizile und bisweilen
widersprüchlicheVerhältnis vonSport undPolitik im„RotenWien“: InBrich-
tasZeitalsAdmira-PräsidentwarderVereinMitglieddessozialdemokratischen
VAS, spätergaltderVereinalsderbürgerlichederbeidengroßenFloridsdorfer
Fußballklubs.
BeialldiesenFunktionärInnenhatSporteinegewisseRolle in ihremLeben
gespielt – Ausmaß und Form waren individuell höchst unterschiedlich: Es
konnte ein Element politischer Betätigung sein – oder zumindest damit eng
verknüpft,vorallembeiVereinen,derenAnspruchüberdasSportlichehinaus-
ging,primärbeiArbeitersportvereinenoderzionistischenKlubs.DieseBeispie-
lezeigenauch:Sportfunktionärewaren imWienderZwischenkriegszeitöffent-
licheFiguren.Das erweist sich imHinblick auf Fragen jüdischer Identität und
von jüdischerDifferenz deshalb als besonders bedeutsam,weil zumindest für
diese Jahre nachweisbar ist, dass Sportfunktionäre in einemFeld tätigwaren,
das für breite Schichten der Gesellschaft wichtig wurde. Zum einen wurden
dieErgebnisse vonVorstandswahlenzumindest inderSportpresse regelmäßig
kommentiert, zumanderenwurdedenFunktionäreneinewichtigeRolle inder
Gestaltungdes Sportlebens zugeschrieben, vonderVerantwortung für denEr-
folgeinesTeamsbishinzuethischenundmoralischenAufgaben.Schondaher
kommtihrenSelbstdarstellungenwiedenexternenZuschreibungeneinekultu-
relleBedeutungzu,dieweit überdasSportfeldhinausging.Gleichzeitigbilde-
ten die populären Diskurse des Sports die Basis für prägende (Selbst-)Bilder
desWienerischen,anderenProduktion,wieerwähnt,die jüdischenFunktionä-
reund Journalisten zentral beteiligtwaren.
Die Tätigkeit vonSportfunktionärInnen erwies sich jedochkeineswegs als
per se gesellschaftlich offenes Feld: Trotz mancher Ausnahmen kann diese
Gruppe als relativ homogenbezeichnetwerdenund standde facto nur einem
relativbeschränktenSegmentderGesellschaftoffen. InderZwischenkriegszeit
war die Funktion des Sportfunktionärs weitgehendmit Männlichkeit, mittle-
remAlter undMittelstandverbunden.Das galt gewiss nicht nurdeshalb,weil
nur dieseMänner die nötige Zeit, Status und finanziellenHintergrundhatten,
um sie auszuführen. DieHomogenität war auchResultat der Verbindung von
modernem Sport und genereller Modernität. Der urbane Sportfunktionär war
mit internationalistischenSportideenund-praktikenverbunden.Diesgiltauch
fürdenArbeitersport unddie Zionisten.Hier zeigte sich jedenfalls einedeutli-
cheDifferenz zum „deutschen“ Turnen, zumSport in der „Provinz“ sowie zu
rural geprägten Sportarten wie Alpinismus oder Skilauf, in denen nicht nur
Arierparagrafen installiert, sondern oft auch nationalistische Sportkonzepte
propagiert undumgesetztwurden.Dasbedeutete indenWettkampfsportarten
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918