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Parataxe und Hypotaxe | 203
zusammenfassen. Neben der/die/das257 und welch- (auch in Kombination mit
Präpositionen, z.B. in der, durch welche etc.) sind auch wer, was, wo (siehe oben)
sowie Präpositional-adverbien wie worauf, worüber, womit etc. als Relativele-
mente in Gebrauch und aus standardnormativer Perspektive grammatisch kor-
rekt.
Damit sind in kurzen Zügen die Möglichkeiten der Relativsatzbildung in der
Standardvarietät (bzw. den Standardvarietäten) skizziert. Neben diesen norm-
grammatisch anerkannten Typen von Relativsätzen (mit Verbletztstellung) gibt
es weitere Möglichkeiten des relativen Anschlusses. Häufig diskutiert wird etwa
der Norm- und syntaktische Status von Relativ(satz)konstruktionen mit Verb-
zweitstellung.258 Anhand des bekannten Beispiels aus Gärtner (2001, 103) soll
dieser Typ des relativen Anschlusses veranschaulicht werden:
Beispiel 78:
(a) Das Blatt hat eine Seite (/), die ganz schwarz ist.
(b) Das Blatt hat eine Seite (/), die ist ganz schwarz.
(c) Das Blatt hat eine Seite (\). Die ist ganz schwarz.
Beispiel (78a) zeigt einen normgrammatisch erwartbaren Relativsatz, wie er uns
in geschriebener Sprache normalerweise begegnet – mit einem Relativprono-
men, das in Numerus und Genus mit dem Bezugsnomen übereinstimmt und
seinen Kasus vom Verb, das in finiter Position steht, bezieht. (78c) zeigt eine
Sequenz mit zwei voneinander syntaktisch unabhängigen Hauptsätzen, was
durch die fallende Intonation (\) angedeutet wird. Der Status von Beispielen wie
jenem in (78b) wird dagegen in der Forschung immer wieder diskutiert: Maurer
(1926: 176) und Baumgärtner (1959: 96) bezeichnen sie etwa trotz der Verbzweit-
stellung als Relativsätze; Sandig (1973: 4142) hält fest, dass man Konstruktionen
wie diese nicht als Relativsätze fassen könne, wenn auch festzuhalten sei, dass
der zweite Satz in einer Betonungskurve mit dem ersten artikuliert werde und
„die Bedeutung des zweiten Satzes, der jeweils ein Syntagma des ersten ein-
schränkt,“ (Sandig 1973: 42) für eine Nähe zum restriktiven Relativsatz mit Ver-
bletztstellung spreche. Auch Gärtner (2001: 99) spricht diese semantische In-
tegriertheit an und argumentiert dafür, Relativ(satz)konstruktionen mit
Verbzweitstellung (RV2) nicht aus syntaktischer, wohl aber aus semantischer
Perspektive als Relativsätze zu bezeichnen. Auch Ravetto (2007: 243) greift die
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257 Als eigener Subtyp des Relativsatzes mit der/die/das wird in einigen Arbeiten (vgl. z.B.
Birkner 2008: Kap. 8.2 und 8.3.; Webelhuth 2011: 159) der Cleft-Relativsatz ausgewiesen (z.B.
„Es ist Petra, die den Vorschlag machte.“ (Webelhuth 2011: 159)).
258 Einen Forschungsüberblick dazu bietet Birkner (2008: 197199).
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Titel
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Untertitel
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Autor
- Melanie Lenzhofer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Abmessungen
- 14.8 x 22.0 cm
- Seiten
- 502
- Kategorie
- Geographie, Land und Leute