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286 | Empirische Analysen
für die Wiener Jugendlichen festgestellte Tendenz zum würde-Konjunktiv im
Speziellen lässt sich in Bezug auf Osttiroler Jugendkommunikation jedoch
ebenso wenig bestätigen wie eine fast durchgehende Verwendung analytischer
Konjunktiv-II-Formen im Allgemeinen, wie sie Glauninger (2008: 239) in Bezug
auf Jugendliche in Wien feststellt. Schließlich zeigen die Osttiroler Daten auch
bei den Jugendlichen einen regen Gebrauch synthetisch gebildeter Konjunktiv-
II-Formen, v.a. jene der Variante 2 mit Infix –at. Unter den analytisch gebildeten
Formen ist in den Osttiroler Freundesgesprächen die Konjunktiv-II-Variante mit
tun-Periphrase noch häufiger vertreten als der würde-Konjunktiv. Im Vergleich
mit den erwachsenen Osttiroler/-innen bleibt jedoch festzuhalten, dass die
jugendlichen insgesamt (tat- und würde-Konstruktionen zusammengenommen)
deutlich häufiger analytische Konjunktiv-II-Formen verwenden als die erwach-
senen Osttiroler/-innen. Rund 55% der Belege in Teilkorpus JD entfallen auf
eine der analytischen Varianten 3 oder 4. Der Vergleich mit Teilkorpus GF weist
aber darauf hin, dass diese Tendenz nicht als altersgebunden angesehen wer-
den kann – schließlich sind in der standardnahen Erwachsenenkommunikation
der Fernsehgespräche noch mehr Belege für die analytische Konjunktivbildung
(ausschließlich mit würd- + Infinitiv), nämlich rund 69%, festzustellen.
Der Faktor Alter scheint also lediglich in Bezug auf Variante 3, die Konjunk-
tivbildung mittels tun-Periphrase, relevant zu sein. Dieser Belegtyp ist in Teil-
korpus JD signifikant häufiger anzutreffen als in Teilkorpus ED, das stattdessen
deutlich mehr Belege für die dialektale Konjunktivvariante 2 mit Infix -at auf-
weist. Die weiter oben angestellte Vermutung der zentralen Rolle der tun-
Periphrase für die Konjunktiv-II-Bildung in der Osttiroler Jugend-
kommunikation kann also als bestätigt angesehen werden.
4.3.2.3 Funktionale und weiterführende formale Aspekte
Als charakteristisch für die tun-Periphrase wird in der rezenten Fachliteratur
seine Polyfunktionalität angesehen (vgl. Fischer 2001: 137; Günthner 2010: 137).
Die für die auxiliare tun-Konstruktion mit Infinitiv im Vorfeld zentrale Funktion
der Verbtopikalisierung wurde bereits weiter oben besprochen. Standardgram-
matisch nicht akzeptierte tun-Periphrasen mit nicht im Vorfeld realisiertem
Infinitiv des Vollverbs sind durch weitere – v.a. pragmatische – Funktionen
gekennzeichnet: Zunächst ermöglichen tun-Konstruktionen mit nachgestelltem
Verb die Stellung des semantisch wichtigeren Infinitivs des Vollverbs in Rhema-
Position (vgl. Eroms 1984: 41; Abraham/Fischer 1998: 41; Schwitalla 2006: 129;
Bittner 2010: 229), wodurch eine „Optimierung des Verhältnisses von Diskurs-
struktur und Satzstruktur“ (Abraham/Fischer 1998: 45) erzielt wird. Mit der
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Titel
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Untertitel
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Autor
- Melanie Lenzhofer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Abmessungen
- 14.8 x 22.0 cm
- Seiten
- 502
- Kategorie
- Geographie, Land und Leute