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292 | Empirische Analysen
326, ändert Chr seine Formulierung von der tun-Periphrase „Tust (du) noch ein
Jude sein?“ hin zur unmarkierten Formulierung „Bist du noch ein Jude?“. Erst
dann reagiert Ste auf die – scherzhaft gerahmte – Provokation360, indem er Chr
harsch das Rederecht entzieht (Halt die Fresse.), gleichzeitig durch sein Lachen
aber auch Zustimmung fĂĽr die als gelungen oder originell eingestufte Assoziati-
on zum Ausdruck bringt.
Auch in Bezug auf die Konjunktiv-II-Bildung mittels tun-Periphrase (tät- +
Infinitiv) bestätigen sich die angegebenen Restriktionen. Der nachgestellte Infi-
nitiv des täte-Konjunktivs kommt auch hier nicht in Kombination mit Hilfs- und
Modalverben vor. Im kommunikativen Kontext einzelner tun-Periphrasen, z.B.
des folgenden Belegs, lässt sich dies gut beobachten:
Beispiel 212: JD 4, Z. 604-609: „Wintersport“
604 Mag: → tüat es schi foahn oder SNOWboarden;
605 Kat: (--) SCHI foahn;
606 → (--) oba i glaab i will (-) i: wellat UNheben;
607 [(-) SNOWboarden-]
608 Mag: → [(-) i wellat ] AA snowboarden;
609 =he_sch viel COOLer;
ʹMag: Tut ihr Schi fahren oder snowboarden? Kath: Schi fahren. Aber ich glaube, ich will – ich
wollte anfangen. [Mit dem] Snowboarden. Mag. Ich wollte auch snowboarden. Das ist viel
cooler.Ęą
Obwohl Sprecherin Mag ihre Frage nach der gewohnheitsmäßigen Freizeitakti-
vität ihrer Freundinnen in Form einer tun-Periphrase formuliert (Tut ihr Schi
fahren oder snowboarden?)361, reagiert die Gesprächspartnerin auf die Frage
zunächst nur mit einer kompakten Struktur (Schi fahren) und verwendet für
ihren nachfolgend geäußerten Wunschsatz nicht den täte-Konjunktiv (i tat un-
heben wellen, 'ich täte anfangen wollen'), sondern die Konjunktiv-II-Variante
mit Infix -at (i wellat unheben, 'ich wollte anfangen') – eine Konstruktion, die
Mag in Z. 608 aufnimmt (i wellat AA snowboarden, 'ich wollte auch snwoboar-
||
360 Zur populärwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diskriminierenden Ausdrücken
im Sprachgebrauch Jugendlicher u.a. durch Beschimpfungen als Jude vgl. Brammertz (2011).
Informationen zum Stellenwert von Tabuwörtern und Sexualsprache in Jugendkommunikation
finden sich in Bahlo (2013: 126) und einen Überblick über „Liebe, Sex und Provokation im
Sprachgebrauch Jugendlicher“ geben Bahlo/Fladrich (2014).
361 Hier zeigt sich wiederum die Verwendung von tun-Periphrasen im Kontext der habituellen
Funktionalität, wie sie weiter oben besprochen wurde.
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Titel
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Untertitel
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Autor
- Melanie Lenzhofer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Abmessungen
- 14.8 x 22.0 cm
- Seiten
- 502
- Kategorie
- Geographie, Land und Leute