Seite - 305 - in Jugendkommunikation und Dialekt - Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
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seiner zweigliedrigen Grundform kann dieser Typ nach Patocka (1997: 259) wie
folgt formalisiert werden:380
a. FINauxt{h} … INFII - EINFmod/PTmodI (= II-I) --- FINauxt{h} … EINFmod/PTmodI - INFII (=
I-II): finites Auxiliarverb + Ersatzinfinitiv bzw. Partizip eines Modalverbs381
+ Infinitiv eines Vollverbs
II-I: do häsch lei SCHAUgen miassen. [JD 4, Z. 557f.]
'Da hättest du nur schauen müssen.'
I-II: i hob jo so miassen LOchen; [ED 3, Z. 1711]
'Ich habe ja so müssen lachen.'
Einen weiteren zweigliedrigen Abfolge-Typ bildet folgende Form mit dem fini-
ten Verb im Futur:
b. FINauxt{w} … INFII - INFmodI (= II-I): finites Auxiliarverb im Futur + Infinitiv des
Vollverbs + Infinitiv eines Modalverbs
i wea lei GIAHN miassn; [JD 24, Z. 71]
'Ich werde wohl gehen müssen.'
||
täts-Urteilen und transkribierte Aufnahmen aus dem Tonarchiv der Mundarten Vorarlbergs)
fest.
380 Die veranschaulichenden Beispiele für die Punkte 3 a-e entstammen großteils den Teil-
korpora JD und ED, lediglich bei jenen Subtypen, für die in den Osttiroler Korpora keine Belege
enthalten sind, werden die Beispiele aus Patocka (1997: 259) angeführt.
381 Die Modalverbform kann im Südbairischen sowohl als Ersatzinfinitiv als auch als Partizip
realisiert werden. So finden sich in den Teilkorpora JD und ED wiederholt Beispiele wie: sem
hom ma jo MÜLLsommeln gemiasst; [JD 20, Z. 489] (Damals haben wir ja Müllsammeln ge-
musst.); i hätt amol gewellt noch PORtugal zoichen; [JD 4, Z. 636] (Ich hätte einmal gewollt
nach Portugal ziehen.); den hätt mar_aa gemeg AUnehm [ED 6, Z. 947] (Den hätten wir auch
gemocht aufnehmen - mögen idB. ˈkönnenˈ). Patocka (1997: 264) vermutet einen „Zusammen-
hang zwischen dem Auftreten von PTmod und der Stellungsvariante I-II“ insofern, als die Parti-
zip-Form nur an jenen Orten belegt ist, in denen die I-II-Abfolge dominiert. Dass sich in den
beiden Osttiroler Teilkorpora JD und ED, die I-II-Abfolgen aufweisen, ebenfalls Belege mit
Partizip II des Modalverbs finden, bestätigt diese Annahme. Es sollte jedoch nicht der Eindruck
entstehen, dass die Partizipform bei Modalverben nicht in Kombination mit der II-I-Abfolge
belegt wäre, vgl. z.B.: des hätt se ma woll FRIArer sogen gekinnt; [JD 2, Z. 91] (Das hätte sie mir
aber früher sagen gekonnt.). Interessant ist in diesem Zusammenhang der Blick auf Ergebnisse
zum Ersatzinfinitiv-Gebrauch in den alemannischen Dialekten in Österreich (vlg. Schallert
2014a; 2014b): Schallert (vgl. 2014a: 271272) hält fest, dass in manchen Teilen der südbairischen
Region anstatt des Ersatzinfinitivs Partizipformen, teilweise auch ohne ge-Präfix, vorkommen
(z.B. miasst vs. gemusst vs. müssen; vgl. auch Patocka 1997: 260). Dies stehe im Kontrast zu den
Verhältnissen im alemannischsprachigen Teil Österreichs: „Interestingly, only in Alemannic
are there clear signs of a substitute infinitive, whereas Bavarian seems to disfavor this
construction altogether“ (Schallert 2014a: 273).
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Titel
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Untertitel
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Autor
- Melanie Lenzhofer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Abmessungen
- 14.8 x 22.0 cm
- Seiten
- 502
- Kategorie
- Geographie, Land und Leute