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324 | Empirische Analysen
roler Gesprächen ebenfalls große Variabilität zeigt.405 Dies ist mit Sicherheit
auch auf die Semantik des Verbs anfangen zurückzuführen: In der Phasenverb-
konstruktion anfangen/beginnen + (zu-) Infinitiv verweist das finite Verb auf den
Ablauf des vom Vollverb bezeichneten Ereignisses und ist semantisch Halbmo-
dalen wie scheinen, drohen oder pflegen ähnlich (vgl. z.B.: das Wetter scheint
schön zu werden).406
Der Einflussfaktor der Wortart des vorangehenden Wortes (Punkt 1) lässt
sich anhand der Freizeitkommunikate aus Osttirol jedoch nicht bestätigen.
Obwohl die folgenden drei Beispiele keine Nomen oder Adjektive enthalten,
sondern das Subjekt als Pronomen (mit darauffolgendem Temporaladverb)
realisiert ist, scheint dies keinen Einfluss auf die Serialisierung in Richtung II-I-
Abfolge zu nehmen:
Beispiel 218: wos i heit hob !TUAN! miassen in gonzen vormittog [JD 13, Z. 906] → I-III-II
'was ich heute habe tun müssen den ganzen Vormittag [hindurch]'
Beispiel 219: dass [du] sem nit RAAchen hosch deafen [JD 13, Z. 1125] → III-I-II
'dass [du] damals nicht rauchen hast dürfen'
Beipsiel 220: wo se hom gwellt is FEIerwehrhaus herbauen [ED 6, Z. 1755f.] → I-II-III
'wo sie haben gewollt [wollen] das Feuerwehrhaus herbauen'
In Beispielen wie diesen mit Modalverbbeteiligung scheint also das semantische
Gewicht des Modalverbs und die damit verknüpften pragmatischen Konsequen-
zen stärker zu wirken als die vor dem Verbalkomplex geäußerten Wortarten.
Neben den formalen sind daher zwei weitere, über die sprachstrukturelle Ebene
hinausgehende Einflussfaktoren in der Abfolgevariation der Elemente im Ver-
balkomplex zu nennen:
4. Faktor Thema-Rhema-Gliederung: Rhematische Elemente tendieren (in
fokus-neutralen Äußerungen) dazu, am Satzende zu stehen bzw. ‒ in Bezug
auf mündliche Kommunikation ‒ als Letztes geäußert zu werden (vgl. z.B.
Lötscher 2010: 610611).
5. Faktor Performanz: Die II-I-Stellung realisiert das regierte Element vor dem
regierenden und ist damit perzeptuell aufwendiger als die I-II-Abfolge (vgl.
Lötscher 2010: 620).
||
405 Auch im Vorarlberger Alemannischen zeigt sich beim Phasenverb anfangen Stellungsvari-
abilität (vgl. Schallert 2013: 194195).
406 Vgl. dazu ausführlicher den Eintrag „Halbmodale“ auf grammis 2.0, online unter:
http://hypermedia.ids-mannheim.de/call/public/sysgram.ansicht?v_typ=d&v_id=1562
(10.12.2014).
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Titel
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Untertitel
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Autor
- Melanie Lenzhofer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Abmessungen
- 14.8 x 22.0 cm
- Seiten
- 502
- Kategorie
- Geographie, Land und Leute