Seite - 364 - in Jugendkommunikation und Dialekt - Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
Bild der Seite - 364 -
Text der Seite - 364 -
364 | Empirische Analysen
kino?)-gehen nicht als eine Verbindung eines Richtungsverbs mit einer Präposi-
tionalphrase, sondern – Bittner (2010) folgend – als okkasionelle Inkorporie-
rung des Substantivs ins Verb und damit als geschlossene lexikalische Einheit
anzusehen. Das Nicht-Realisieren von Präposition und Artikel in Fällen wie
diesen passiert also nicht zufällig, sondern korreliert mit dem abnehmenden
semantischen Gewicht des Substantivs und seinen semantischen445, syntakti-
schen und informationsstrukturellen Funktionen.
Dieser Argumentationsgang deckt sich u.a. mit den AusfĂĽhrungen von Eli-
sabeth Leiss (2010) zum Abbau des Artikels im Gegenwartsdeutschen. Sie er-
kennt im Wegfall von Artikel (und Präposition) in der „Kanak sprak“ migran-
tendeutscher Jugendlicher das Prinzip der „Hypodetermination“446, d.h. der
Tendenz zum Nicht-Realisieren semantisch redundanter Determinierer, die
„möglich ist, weil sprachliche Normierung natürliche Phasen des Sprachwan-
dels, hier des Artikel-Aspekt-Zyklus, nicht blockiert oder verzögert“ (Leiss 2010:
153). Die Realisierung von Präposition und Artikel in Beispielen wie dann gehen
wir Kino oder ich fahre MĂĽnchen ist redundant, da die Bewegungsverben gehen
und fahren die direktionalen Komponenten bereits kodieren. Leiss sieht die
Tendenz zur präpositions- und artikellosen Realisierung v.a. in Bezug auf ethni-
sche Sprechweisen wie die „Kanak sprak“ belegt und hält fest: „Sprecher von
Kanak Sprak machen […] keine fehlerhaften Artikelsetzungen. Sie reduzieren
lediglich ein System, das längst funktionslos geworden und damit voll von Arti-
||
445 Aus semantischer Perspektive ist v.a. dann der Präpositions- bzw. Artikelwegfall ange-
zeigt, wenn die Definitheit eines Lexems bereits durch die semantische Spezifizierung des
Substantivs markiert ist. Vanessa Siegel fĂĽhrte dies in einem mit Peter Auer gemeinsam gehal-
tenen Vortrag unter dem Titel „Grammatical Reduction in polyethnic young speech styles in
Germany: fact and fiction“ bei der 7. Internationalen Konferenz zur Jugendsprache 2014 (02.-
05.04.2014) näher aus: In einem Beispiel wie „er hat Kurdische Krieg gemeint“ sei die Definit-
heit durch das Nomen als abolutes Unikum bereits gegeben, was den Artikelwegfall begĂĽnsti-
ge.
446 Den Begriff der „Hypodetermination“ bezieht Leiss ursprünglich auf die Entstehung des
definiten Artikels im Altisländischen. Demnach kann zwischen a) hypodeterminierenden und
b) hyperdeterminierenden Artikelsprachen unterschieden werden. Hypodeterminierend ist
eine Sprache dann, wenn der Artikel aufgrund einer Indefinitheitsumgebung gesetzt wird und
nicht redundant ist; im Falle einer Hyperdetermination ist hingegen eine „übergeneralisieren-
de Verwendung des definiten Artikels“ (Leiss 2010: 137) auch in Definitheitsumgebungen
festzustellen (vgl. auch Leiss 2000). FĂĽr die diachrone Entwicklung des Deutschen zeichnet
Leiss einen „Artikel-Aspekt-Zyklus“ (Leiss 2010: 138) nach: Während in den germanischen
Sprachen der definite Artikel als Konsequenz des Abbaus des Verbalaspekts entstanden sei
(Wechsel von Aspekt zu Artikel), finde im Gegenwartsdeutschen ausgelöst durch Hyperdeter-
mination eine „Neukodierung des Artikels“ (137) und „Etablierung eines neuen Aspektsystems
als funktionale Kompensation für die funktionale Schwächung des Artikels“ (138) statt.
zurĂĽck zum
Buch Jugendkommunikation und Dialekt - Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol"
Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Titel
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Untertitel
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Autor
- Melanie Lenzhofer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Abmessungen
- 14.8 x 22.0 cm
- Seiten
- 502
- Kategorie
- Geographie, Land und Leute