Seite - 508 - in Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums - Europäische Museumskultur um 1800, Band 2
Bild der Seite - 508 -
Text der Seite - 508 -
508
Bickendorf Marco Lastris L’Etruria pittrice
ten. Der Recueil entwarf eine Kunstgeschichte der maleri-
schen Schulen in Bildern mit der dezidierten Absicht,
Material für eine vergleichende kennerschaftliche Betrach-
tung zur Verfügung zu stellen. Mariette erläuterte dies
folgendermaßen:
„Les estampes gravées d’après les Tableaux des grands
Maistres plairont également aux amateurs & aux gens de
l’art: ils auront la satisfaction de pouvoir sans sortir de
leurs Cabinets comparer les differentes manieres de com-
poser & de dessiner, ils y reconnoistront les divers estats
de la Peinture & les progrès que les differentes Écoles ont
faits dans chaque temps […].“10
Der Recueil d’estampes mit seinen exquisiten großfor-
matigen Reproduktionen und knappen, präzisen Erläute-
rungen zur Geschichte jedes einzelnen Werks setzte Maß-
stäbe, die wir noch in den modernen Sammlungs- und
Ausstellungskatalogen wiederfinden. Zunächst wurde er
zum Orientierungspunkt für die großen repräsentativen
Galeriewerke des 18. Jahrhunderts, mit denen die Höfe
Europas die Schätze ihrer Gemäldesammlungen präsen-
tierten. Zugleich aber lieferte er ein Modell für die visuelle
Konstruktion einer Kunstgeschichte nach Schulen, die
entscheidend auf die Neuordnung von graphischen Kabi-
netten und Gemäldesammlungen in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts wirkte.
Deutlich erkennbar ist dies in dem Programm, das
Francesco Algarotti 1742 für die Reorganisation der Dres-
dener Sammlungen entwickelte. Es sah vor, zunächst –
und damit im künstlerischen Medium analog zum Recueil
– die Sammlung der Druckgraphiken nach Schulen zu
ordnen, um dann im nächsten Schritt nach dem gleichen
Muster die Zeichnungen und die Gemälde zu systemati-
sieren. Tatsächlich verbindlich für die Hängung einer Ge-
mäldegalerie wurde das System der Schulen erst wesent-
lich später. Im Ansatz wurde es in der Düsseldorfer Gemäl-
degalerie mit jeweils einem Saal für die Flämische und die
Italienische Schule erprobt, wie die Publikation aus dem
Jahr 1778 zeigt. Aber erst die Ordnung der Wiener Gemäldegalerie im Oberen Belvedere
gilt als frühestes Beispiel für die vollständige Umsetzung des Schulmodells. In Düsseldorf
und Dresden ebenso wie in Wien und natürlich auch in Florenz verfolgten die Neuordnun-
gen der Galerien ein doppeltes Ziel: die fürstliche Repräsentation, aber auch die Rekon-
struktion der Kunstgeschichte. Die prägnanteste Formulierung dafür fand Christian von
Mechel, der in seinem Katalog zur Wiener Gemäldegalerie 1783 – also acht Jahre vor
Lastri – geschrieben hatte:
„Der Zweck alles Bestrebens gieng dahin, [...] dass die Einrichtung des Ganzen [...]
sichtbare Geschichte der Kunst werden möge.“11
Lastri verband beide Aspekte in L’Etruria pittrice: In der Anlage des Buches und in der
Präsentation der Reproduktionen griff er auf das bereits 60 Jahre alte Vorbild des Recueil
d’estampes zurück, während er zugleich den aktuellen Anspruch, eine „sichtbare Ge-
schichte der Kunst“ vorzulegen, im Sinne von Christian von Mechel verfolgte.
Abb. 11
Raphael, La Sainte Vierge (La Belle
Jardiniere), in: Recueil d’estampes,
Bd. I, 1729
Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
Europäische Museumskultur um 1800, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
- Untertitel
- Europäische Museumskultur um 1800
- Band
- 2
- Autor
- Gudrun Swoboda
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2013
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79534-6
- Abmessungen
- 24.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 264
- Kategorie
- Kunst und Kultur