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Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums - Europäische Museumskultur um 1800, Band 2
Seite - 535 -
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535 Ullrich Sammlungspräsentation also etwa davon spricht, die Postkutsche sei das iPhone der frühen Neuzeit gewesen, macht der Sache nach dasselbe wie ein Kurator, der Giotto und Rothko miteinander kombiniert. Man kann in den Bestrebungen nach Imageaufwertung und Wertschöpfung auch ei- nen verstärkten Einfluss der Logik des Kunstmarkts sehen. Alles dreht sich darum, die Wer- ke als geradezu beliebig bedeutsam, zugleich als schick, cool, aktuell, aufregend darzustel- len. Und mit Pendants und Konstellationen des Vergleichs hat man eine ebenso simple wie effiziente Methode gefunden, immer wieder neue Bedeutungen zu schöpfen und am Image der Werke zu polieren; die Interaktion zwischen Werken wird zum Mechanismus se- mantischer Kumulation und marketinggerechter Arrondierungen. Der Kunstbetrieb funk- tioniert damit nicht anders als die Celebrity-Kultur, unter deren Mitgliedern es schon im- mer üblich ist, Aufmerksamkeit und Bedeutung dadurch zu steigern und am eigenen Image damit zu arbeiten, dass man sich in wechselnden Konstellationen abbilden lässt und nach und nach verschiedene Liaisonen untereinander eingeht. So sehr es eine große Kunst sein mag, wirklich erkenntnisträchtige Konstellationen zu schaffen, so häufig gelingt es also, zumindest überraschende und interessante – unge- wöhnliche und damit spekulative – Arrangements zu finden. Irgendwie neugierig macht ein diachrones Display fast immer, und wenn es ein wenig sperrig ist, dient es gar umso mehr zur Erzeugung einer geheimnisvollen Atmosphäre. Eigentlich sollte es aber skeptisch machen, dass beinahe jeder Vergleich effektvoll ist, ja dass Kunstwerke es fast in jedem Fall erlauben, dass zumindest ein paar Implikationen wechselweise übertragen werden. In die- ser Willigkeit zum Bedeutungsverkehr könnte man eine Promiskuität von Bildwerken erken- nen. Und man könnte Sammlern, Kuratoren und Museumsdirektoren unterstellen, diese Promiskuität gerade auszunützen, um mehr Besucher zu locken und um die herkömmliche Ordnung der Kunstgeschichte preiszugeben: zugunsten aufregender Events mit immer neuen Interaktionen zwischen Werken, die noch nie zuvor miteinander gepaart wurden. Derselbe Thomas Huber, der sich als Kurator des Künstlermuseums darüber freute, dass Bedeutungen von Werken zu ändern sind, wenn man sie in neuen Kombinationen ausstellt, erkannte auch, dass es die Promiskuität der Bilder ist, die solche Wandlungen überhaupt erst in größerem Stil zulässt. Er spricht ausdrücklich von einer „Schwäche von Bildern“, ja davon, dass sie „nicht souverän seien“, könnten sie doch „in der Nähe zu ei- nem anderen Bild […] von diesem komplett umgedeutet“ werden.17 Bezogen auf seine ei- genen Bilder sorgt er daher möglichst genau, dass sie in keine Zusammenhänge geraten, die sie in einer Weise verändern können, die ihm, dem Künstler, nicht gefallen würde. Ausstellungen seiner Werke kuratiert er am liebsten selbst. Und in einem Gemälde hat er eine Musterlösung formuliert, wie seine Werke anzuordnen sind. Im Stil eines Galeriebil- des des 17. Jahrhunderts malte er 2004 Das Kabinett der Bilder, ein Gemälde, das fast alle seine bis dahin entstandenen Werke en miniature noch einmal wiederholt, sie vereint und in eine große Gemeinschaftskonstellation bringt. Hier wird gerade auch künftigen Kurato- ren ein Maßstab an die Hand gegeben, wie sie mit Hubers Werken umzugehen haben. Auch andere zeitgenössische Künstler werden angesichts der vielen unbefangenen, ef- fektsuchenden, bedeutungsgierigen Hängeexperimente vor allem von Sammlern unruhig. Einige machen diesen mittlerweile schon Vorschriften, neben welchen anderen Künstlern sie platziert – oder auf keinen Fall gehängt – werden wollen. Und vielleicht wird es nicht mehr lange dauern, bis es selbstverständlich geworden ist, Werke von vornherein auf ihre metamorphotischen Fähigkeiten hin zu betrachten und sie entsprechend für bestimmte Konstellationen zu schaffen oder es auszuschließen, dass ihnen einzelne Nachbarschaften zugemutet werden. Und vielleicht wird dann auch wieder eine Position wie die Wilhelm von Humboldts vertrauter werden. Wenn er nicht wollte, dass die Werke ihre Bedeutung durch die Art der Hängung und insbesondere durch Vergleiche erhalten, wollte er sie ei- gentlich vor Interaktionen und damit vor ihrer eigenen Promiskuität schützen.
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Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums Europäische Museumskultur um 1800, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
Untertitel
Europäische Museumskultur um 1800
Band
2
Autor
Gudrun Swoboda
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2013
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-79534-6
Abmessungen
24.0 x 28.0 cm
Seiten
264
Kategorie
Kunst und Kultur
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