Seite - 142 - in Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
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Christine Neugebauer-Maresch, Eva
Lenneis142
der hohen Qualität mancher Schmuckstücke vermutet J. Po-
dborský sogar „halbspezialisierte Schmuckmacher“316.
Die Spondylus-Objekte aus Kleinhadersdorf vermögen
zu der eben kurz umrissenen Herkunftsfrage leider nichts
beizusteuern, die Verwendung fossilen Rohmaterials wird
inzwischen kaum mehr in Erwägung gezogen. Die Formen
der beiden Reifen, der lang-schmalen und eher kompakt
rundlichen Perlen sowie der gelochten Anhänger gleichen
sowohl den aus dem nahen Vedrovice bekannten Stücken317
als auch jenen aus dem Gräberfeld Nitra318, aus den Gräbern
von Rutzing in Oberösterreich319 oder aus den reichen bay-
erischen Gräbern320. Wie schon früher betont, ist sowohl die
Lage an der Schulter als auch die Lochung des einzigen, et-
was größeren Klappenbruchstücks ungewöhnlich (Kinder-
grab Verf. 7 – Tafel 16). Aufgrund der geringen Größe des
Fragments ist nicht mehr feststellbar, ob es sich ehemals um
eine runde Klappe mit zwei Löchern und einem weiteren
kleinen Loch handelt oder um eine V-Klappe mit zusätzli-
cher Lochung. Für den ersten Fall gäbe es ein entsprechen-
des Vergleichsstück aus SO-Ungarn und damit aus dem
Bereich der Alföld-LBK, für den zweiten Fall ein Beispiel
aus Bayern321. In beiden Fällen rechnen die Bearbeiter mit
einer Herkunft des Rohmaterials aus dem adriatischen Küs-
tengebiet, was vermutlich auch für die verschiedenen
Schmuckstücke aus Kleinhadersdorf zutreffen wird.
5.3.2.2 Schmuck aus anderen Molluskenschalen
Aus den ersten Grabungen von 1931 (Tabelle
33) gibt es nur
aus Grab 17 ein kleines Schalenfragment von Crassostrea
gryphoides (Schlotheim), ein miozänes Fossil, das in der
Umgebung von Kleinhadersdorf häufig vorkommt sowie in
besonders auffälliger Weise im Korneuburger Becken und
bei Nodendorf322. Ebenfalls aus miozänen Ablagerungen in
der Umgebung von Kleinhadersdorf kann auch das noch
kleinere Schalenfragment von Grab Verf. 17 aus 1988 stam-
men, doch ist es für eine ganz exakte Herkunftsbestimmung
zu wenig signifikant.
Das Fragment einer Cardium-Muschel323 aus Grab Verf.
21 (alt ausgegraben, ohne Skelettreste) kann hingegen so-
wohl zusammen mit den Spondyli aus dem adriatischen
Meer nach Niederösterreich gekommen sein als auch aus
den tertiären Sedimenten der Umgebung stammen.
316. Podborský 2002a, 254.
317. Podborský 2002a, 241 Abb.
2.
318. Pavúk 1972, 57 Abb.
40.
319. Kloiber, Kneidinger 1968, Tafel V und VI.
320. Nieszery 1995, 185 und 186–187.
321. Kalicz, Szénászky 2001, Abb.
13/1 – Nieszery 1995, Tafel 50/6.
322. Angaben zu Herkunft und Vorkommen – wenn nicht anders an-
gegeben – nach Gutachten M. Harzhauser vom 1. 10. 2004.
323. Simetsberger 1993.
5.3.2.1 Schmuck aus Spondylusschalen
Wie aus obiger Zusammenstellung (Tabelle 31) ersichtlich,
waren in vier von den 1931 geborgenen Gräbern insgesamt
fünf Schmuckstücke aus Muschelschalen von Spondylus sp.
gefunden worden. Für den Bearbeiter waren die Stücke auf-
grund ihres Zustandes nicht weiter bestimmbar, ihre Farbe
und Erhaltung deuten aber eher auf rezentes denn fossiles
Material308.
Während der Grabungen 1987–1991 wurde in weiteren
sieben Gräbern Schmuck aus Spondylus-Muschelschalen
gefunden (Tabelle
32), die B. Simetsberger als Spondylus ga-
ederopus deshayesi L. bestimmte und damit offenbar die
Meinung vertrat, dass es sich um die im Mittelmeer lebende
rezente Art Spondylus gaederopus oder vielleicht doch auch
um die aus dem Wiener Becken bekannte fossile Art Spon-
dylus deshayesi handelt309.
Über die Herkunft der in Mitteleuropa nachgewiesenen
Spondylus-Muschelschalen gab es in der Vergangenheit hef-
tige Diskussionen und insgesamt vier Hypothesen: Nutzung
fossiler Muschelschalen, Import rezenter Muscheln aus der
Adria, der Ägäis oder dem Schwarzen Meer310. Letzteres
wird inzwischen aufgrund der für das Gedeihen dieser Mu-
schel zu niedrigen Temperaturen als möglicher Herkunfts-
ort ausgeschlossen311, überdies zeigen die Strontium-Isoto-
penanalysen ganz deutlich, dass die Muschelschalen aus dem
Mittelmeer, aus der Adria oder aus der Ägäis stammen312.
Aus den Küstenbereichen beider Meere sind diese Muschel-
schalen nur aus Siedlungen und überwiegend unbearbeitet
bekannt313. Aufgrund des Auftretens von Spondylus-Arte-
fakten ab der Mitte des 6. Jahrtausends entlang der Adria und
am westlichen Balkan vermutet J. Müller für die linearband-
keramischen Spondylusnachweise in Mitteleuropa eine
Herkunft aus der Adria, während die jüngeren Funde mit
einem ostbalkanischen, bis in die Ägäis führenden Netzwerk
zu verbinden wären314. N. Kalicz versuchte sogar für beide
Herkunftsgebiete die möglichen/wahrscheinlichen Routen
zu rekonstruieren, wobei er selbst einräumt, dass einzelne
Abschnitte leider „ziemlich mangelhaft belegt“ sind315. Völ-
lig rätselhaft ist nach wie vor, was die Gegengaben für den
Eintausch der begehrten Muschelschalen waren. Aufgrund
308. Gutachten M. Harzhauser vom 1. 10. 2004; ergänzende Mittei-
lung vom 7. 6. 2011 per E-Mail.
309. Für die entsprechenden Erläuterungen in seinem E-Mail vom 7.
6. 2011 möchte ich M. Harzhauser sehr herzlich danken.
310. Detaillierte Zusammenfassung zuletzt bei Bonnardin 2009, 53.
311. Séfériadès 2000, 423–424.
312. Shackleton, Renfrew 1970. – Shackleton, Elderfield 1990.
313. Müller 1997, 94–96 und Abb.
4.
314. Müller 1997, 99.
315. Kalicz, Szénászky 2001, 46.
Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Titel
- Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Autoren
- Christine Neugebauer-Maresch
- Eva Lenneis
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7001-7598-8
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 406
- Schlagwörter
- Neolithic, LBK, cemetery, archaeology, prehistory, Kleinhadersdorf, Lower Austria, Neolithikum, Linearbandkeramik, Archäologie, Urgeschichte, Gräberfeld, Kleinhadersdorf, Niederösterreich
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen