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Statistische und Naturwissenschaftliche Untersuchungen 169
6.3 Geologie und Rohstoffe (Michael A. Götzinger)
6.3.1 Geologie der Umgebung von Kleinhadersdorf und die
Herkunft der verwendeten (Gesteins-)Rohstoffe
Die unmittelbare geologische Umgebung des Gräberfeldes
SW Kleinhadersdorf (Marchleiten) besteht aus jungen Sedi-
mentgesteinen, es sind pleistozäne Lösslehme und Schotter-
fluren353. In tieferen Lagen der Umgebung herrschen Tone,
Tonmergel, Sande und Kiese des Badenium vor (Kiesgruben
bei Kleinhadersdorf)354.
Südlich und südöstlich Poysdorf liegen Tone und Sande
des Pannonium.
Wenige Kilometer nordwestlich kommen Tonmergel
der Waschbergzone vor und die hellen Jura-Kalke (Ernst-
brunner Kalk), die die tektonisch gebildete Klippe von
Staatz aufbauen.
Im Großraum Ziersdorf – Hollabrunn – Mistelbach –
Gaiselberg (und darüber hinaus) befinden sich Höhenrü-
cken, die aus grobkörnigen, fluviatilen Kiesen (ca. 2–20
cm
Durchmesser) der Hollabrunn-Mistelbach-Formation
(Pannonium) gebildet werden. Sie weisen eine mannigfalti-
ge Lithologie auf: Quarz- und Quarzitgerölle, Hornstein
und Karbonatgesteine, aber auch Kristallingerölle. Nach
Osten hin nehmen grobe Sande zu, die als Deltaschüttungen
in den Pannonsee interpretiert werden355. Diese Sande und
Kiese werden auch heute noch intensiv genutzt356.
Weiter im Osten des Gräberfeldes treten sarmatische
und pannone Sedimente sowie der Leithakalk (Badenium)
des Steinberges auf.
Aus dieser geologischen Situation ergibt sich, dass nur
die Geröllsteine und allfälliger Limonit bzw. Rötel aus der
Umgebung des Gräberfeldes (Umkreis von etwa 20 km)
stammen können.
Ein ganz anderes und mannigfaltiges Angebot an Stein-
rohstoffen liefern hingegen die Flüsse Thaya und March
(etwa 25
km Luftlinie entfernt).
Die nächstgelegenen Kristallingebiete der Böhmischen
Masse (Thaya-Granit im Raum Tasovice und Znojmo/
Znaim) sind in etwa 40
km Luftlinie zu erreichen357. In etwa
gleicher Entfernung liegt die Donau bei Korneuburg mit
ihrem breiten Geröllinventar. Zum „steinreichen“ Kamptal
(Amphibolite, Serpentinite, Gföhler Gneis und Granulite)
bei Langenlois beträgt die Entfernung schon knapp 70 km
Luftlinie358.
353. Grill 1961.
354. Grill 1968.
355. Nehyba, Roetzel 2004.
356. Roetzel 2009.
357. vgl. Schnabel et al. 2002.
358. Bezüglich der Verfügbarkeit von Steinrohstoffen in Ostöster-
reich siehe Götzinger 2006. Die Identifizierung der Steinrohstoffe (Dechseln und
Beile, Mahl- und Reibplatten) hat jedoch gezeigt, dass ein
großer Teil dieser Gesteine aus Lagerstätten und Vorkom-
men von weit größerer Entfernung stammt.
6.3.2 Dechseln und Beile
Die überwiegende Anzahl der Dechseln besteht aus sehr
feinkörnigem Amphibolit bzw. Amphibolschiefer, der eine
starke Schieferung aufweist. Der Mineralbestand ist Am-
phibol, basischer Plagioklas und Ilmenit, der die charakte-
ristischen schwarzen Erzanreicherungen zeigt. Dieses Ge-
stein stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem
heutigen Tschechien und wurde von Přichystal als verbrei-
teter Steinrohstoff vorgestellt359.
Zwei der wenigen Beile bestehen aus geschiefertem
Grobkorn-Amphibolit. Dieses Gestein ist in der Böhmi-
schen Masse häufig und als Geröll in der Donau und im
Kamp leicht aufzufinden.
Zwei weitere Beile wurden aus Quarzphyllit hergestellt.
Auch dieses Gestein ist häufig und besonders im moravi-
schen (östlichen) Anteil der Böhmischen Masse zu finden.
Ebenso ist es auch in Flüssen anzutreffen.
Interessant ist, dass der sonst häufige Rohstoff Serpenti-
nit hier nur untergeordnet verwendet worden ist.
Die oben erwähnten sehr feinkörnigen, geschieferten
Amphibolite bzw. Amphibolschiefer stammen aus einer
Reihe von Vorkommen in Tschechien (Raum Liberec), die
einen Kontaktsaum des Isergebirge-Plutons (Granite bis
Granodiorite) zum Nebengestein bilden360. Diese interes-
santen Metabasite werden auch als Hornblende-Plagioklas-
Hornfelse bezeichnet; ausführliche petrologische Beschrei-
bungen geben Klomínský et al.361 sowie Šida und Kachlík362.
Aus diesen sehr charakteristischen Gesteinen wurden mehr
oder minder zeitgleich hunderte Steinwerkzeuge, vor allem
Dechseln, gefertigt, wobei die Hersteller sehr auf die Lage
der Schieferung achteten. Die Dechseln auf Tafel 59 beste-
hen (mit Ausnahme der Stücke 37/1 und 68/1) aus diesem
Amphibolschiefer und zeigen sehr schön die Variabilität
dieser Gesteine. Die gut sichtbare Schieferung (durch den
schwarzen Ilmenit hervorgehoben) verläuft in der Längen-
Breitenebene der Dechsel.
Die Vorkommen liegen in gut 260
km Entfernung (Luft-
linie) vom Gräberfeld. Es ist daher anzunehmen, dass nur
Fertigprodukte transportiert worden sind. Diese Dechseln
besitzen jedoch eine unglaublich weite Verbreitung im
359. Přichystal 2000.
360. Přichystal 2002. – Ders. 2009.
361. Klomínský et al. 2004.
362. Šida, Kachlík 2009.
Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Titel
- Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Autoren
- Christine Neugebauer-Maresch
- Eva Lenneis
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7001-7598-8
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 406
- Schlagwörter
- Neolithic, LBK, cemetery, archaeology, prehistory, Kleinhadersdorf, Lower Austria, Neolithikum, Linearbandkeramik, Archäologie, Urgeschichte, Gräberfeld, Kleinhadersdorf, Niederösterreich
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen