Seite - 186 - in Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
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Christine Neugebauer-Maresch, Eva
Lenneis186
noch kein derart massives Signal in den Knochen, aber im
Alter von etwa 21 Jahren hatte diese junge Frau wohl schon
mindestens 2–3 Kinder geboren und vielleicht bei all ihren
Schwangerschaften massive Abneigung gegen fleischliche
Nahrung empfunden.
Jugendliche(r) aus Grab Verf. 66
Leider war das Grab dieser jungen Person von 17–25 Jahren
so stark zerstört, dass das Geschlecht nicht mehr bestimm-
bar war, aber es konnte immerhin noch annähernd eine Po-
sition in linker Hocklage und in der Ausrichtung O-W fest-
gestellt werden. Letztere gehört an diesem Platz zu den
weniger häufigen Orientierungen (6 % aller Gräber – siehe
Abb.
16a). Die einzige erhaltene Beigabe dieser Bestattung,
ein großes Gefäßfragment mit der typischen Verzierung der
mährischen LBK-Phase IIa1, erlaubt eine Datierung in die
zweite Belegungsphase des Gräberfeldes. Aufgrund der Er-
gebnisse der Sr-Isotopenanalyse an Knochen und Zähnen
dieses Individuums wurde klar, dass dieser junge Mensch
von auswärts erst knapp vor Erreichung des 20. Lebensjah-
res nach Kleinhadersdorf kam und bereits kurz darauf ver-
starb (siehe Kapitel 6.4). Aus rein archäologischer Sicht war
diese „Fremdheit“ nicht zu erkennen, denn die seltene Ori-
entierung ist gerade in der NW-Gruppe noch bei einer wei-
teren Bestattung (Verf. 81) nachgewiesen und allein sicher
nicht als Fremdsignal zu werten.
Reife Frau aus Grab Verf. 55
Diese Frau war zwischen 30 und 50 Jahre alt, als sie verstarb.
Man bettete sie in rechter Hocklage, wie hier nur insgesamt
15 % aller Toten (Abb.
18) und richtete die Bestattung N–S
aus. Diese Ausrichtung ist nur noch ein zweites Mal, und
zwar ebenfalls in der NW-Gruppe, nachgewiesen (Grab
Verf. 64) und hat damit insgesamt nur einen Anteil von 4 %
(Abb.
16a). Der Oberkörper der Frau lag auf dem Bauch. Es
ist dies die einzige Bestattung von Kleinhadersdorf mit die-
ser Lage. Die Frau hatte eine Kette aus fünf großen Spondy-
lusperlen um den Hals. Sie ist damit die einzige erwachsene
Person mit einer so wertvollen Kette, nur noch ein Klein-
kind (Grab Verf. 22) war mit einem gleichartig aufwendigen
Halsschmuck versehen worden. Die einzige erhaltene
Grabbeigabe ist eine kleine, etwas stumpfe Knochenspitze
(Tafel 35). Mangels keramischer Beigaben war diese Bestat-
tung archäologisch nicht zu datieren, aber ihre Knochen
ergaben das höchste 14C- Datum des Gräberfeldes (Tabelle
36). Die Messungen der Sr-Isotopen an ihren Zähnen und
Knochen zeigen deutlich, dass sie nicht am Ort ihres Todes
geboren wurde (Tabelle 38).
Aufgrund der eben kurz umschriebenen Fakten dürfen
wir wohl annehmen, dass diese Frau zur Gründergenerati- on des Bestattungsplatzes von Kleinhadersdorf gehört und
von einem weiter entfernten Ort im Bereich der Böhmi-
schen Masse zugewandert ist. Wenn auch von ihrer ehema-
ligen Grabausstattung nur die kleine Knochenspitze über-
lebte, so zeigt der aufwendige Spondylusschmuck, der in
Kleinhadersdorf in seiner Art überdies größten Seltenheits-
wert hat, dass diese Frau beträchtliches Ansehen innerhalb
der Gemeinschaft gehabt haben muss. Die in diesem Grä-
berfeld ungewöhnliche Orientierung N-S sowie vielleicht
auch die rechte Hocklage mögen Reminiszenzen an ihre alte
Heimat oder eine bewusste Reverenz an diese gewesen sein.
Junge Frau aus Grab Verf. 32
Diese Frau war zwischen 20 und 30 Jahre alt, als sie verstarb.
Sie wurde in der südlichsten Grabgruppe (5) bestattet, wo
ihr Grab sich als einzige Körperbestattung umgeben von
sieben Leergräbern fand. Ihr Skelett war nicht sehr gut er-
halten (Tafel 26), insbesondere waren von ihren Beinen nur
mehr wenige Reste vorhanden. Dennoch ließ sich feststel-
len, dass sie in linker – also der hier dominanten – Hocklage
bestattet war. Ihr Oberkörper lag am Rücken, eine hier viel-
fach geübte Art der Bettung, aber ihre Arme waren in recht
ungewöhnlicher Weise vor der Brust verschränkt. Die Posi-
tion der Arme ist das einzig Auffällige an der Grablegung
dieser Person, denn auch die Orientierung der Bestattung
mit dem Kopf im SO folgt der Hauptorientierung an diesem
Platz. In der Mitte ihres Beckens fand sich das Schlossstück
einer Spondylusmuschelschale, vielleicht der letzte Rest ei-
ner Gürtelzier aus diesem wertvollen Material. Die einzige
erhaltene Beigabe war ein kleines Gefäß neben ihrem Kopf
und diese Keramik weist eine ganz charakteristische Verzie-
rung im Šárka-Stil auf, ein sehr deutlicher Hinweis auf eine
Verbindung dieser Person mit dem W-mährischen oder so-
gar böhmischen Gebiet. Allein aufgrund dieser Grabbeiga-
be stand die junge Frau bereits im Verdacht eine „Zugewan-
derte“ zu sein und dieser Verdacht wurde durch die
Ergebnisse der Sr-Isotopenanalyse bestätigt, durch die sie
als eine der drei „Fremden“ ausgewiesen ist. Das in ihren
Knochen festgestellte Verhältnis von 87Sr/86Sr weist wieder
auf ein Granit-/Gneis-Gebiet, also auf die Böhmische Mas-
se, W–NW des Fundortes Kleinhadersdorf (siehe Kapitel
6.4). Das 14C-Datum aus ihren Knochen weist sie als eine der
spätesten Bestattungen des Gräberfeldes aus.
Es liegt nahe zu vermuten, dass die junge Frau in einen
Weiler der Umgebung von Kleinhadersdorf eingeheiratet
hatte. Als sie früh verstarb, ließ man ihr den wertvollen
Schmuck und gab ihr ein, vielleicht von ihr selbst gefertigtes
und/oder wenigstens von ihr in ihrem heimatlichen Stil ver-
ziertes Gefäß mit ins Grab. Die Gräber um ihre Grabstatt
herum wurden alle geleert, vielleicht entging ihre Bestattung
Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Titel
- Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Autoren
- Christine Neugebauer-Maresch
- Eva Lenneis
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7001-7598-8
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 406
- Schlagwörter
- Neolithic, LBK, cemetery, archaeology, prehistory, Kleinhadersdorf, Lower Austria, Neolithikum, Linearbandkeramik, Archäologie, Urgeschichte, Gräberfeld, Kleinhadersdorf, Niederösterreich
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen