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Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
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Christine Neugebauer-Maresch, Eva Lenneis190 ßung des sozialen Status der begrabenen Personen verwen- den. Es bleibt aber dennoch hochinteressant, die vorgefun- dene Ausstattung der einzelnen Toten nach Geschlecht und Alter zu vergleichen, und zwar sowohl innerhalb dieses Gräberfeldes als auch mit den anderen LBK-Gräberfeldern, wo etwa gleichartige Erhaltungsbedingungen vorliegen. Die Verteilung der Beigaben in den Gräbern lässt deutlich eine Bevorzugung der Umgebung des Kopfes und des Oberkörpers erkennen, besonders bei der Keramik. Nur wenige der erhaltenen Gegenstände befanden sich im Be- reich der Beine (Abb.  29). Dieses Phänomen mag mehr auf den fehlenden Freiraum in diesem Teil des Grabes zurück- gehen als auf ein eventuelles „Tabu“, Beigaben im Bereich der Beine zu positionieren, da in anderen LBK-Gräberfel- dern dieser Teil des Grabes sehr wohl für die Niederlegung von verschiedenen Gegenständen genutzt wurde. Die Art der Beigaben und die Anzahl der erhaltenen Objekte variieren beträchtlich. Wie in vielen anderen LBK- Gräberfeldern war auch hier der größte Teil der Männergrä- ber mit den meisten und verschiedensten erhaltenen Beiga- ben ausgestattet. Die typische Ausstattung der Männer besteht hier so wie an anderen LBK-Plätzen aus Dechseln, Silexpfeilspitzen und einer größeren Anzahl von Keramik verschiedener Art. Eine lokale Besonderheit von Kleinha- dersdorf dürfte hingegen die höhere Anzahl von Reibplat- ten/Mahlsteinen und Knochengeräten in den Männergrä- bern als in den Frauen- und Kindergräbern sein. Die erhaltene Ausstattung der zehn Frauengräber zeigt eine ge- ringere Vielfalt und eine geringere Anzahl von Beigaben (Abb.  30–32). Vier von ihnen hatten keine erhaltenen Beiga- ben, was in auffälligem Kontrast zu deren Ausstattung mit wertvollem Schmuck steht, aber auch zu den reichen Inven- taren von Frauen in anderen Gräberfeldern z.  B. in Thürin- gen oder Sachsen. Die Anzahl von 18 Kindergräbern (incl. Juvenil) sowie deren Anteil innerhalb des Gräberfeldes ist ungewöhnlich groß, 10 von ihnen waren zum Zeitpunkt ih- res Todes noch Kleinkinder (infans I). Die erhaltene Aus- stattung der Kinder, besonders der kleinsten, liegt über dem LBK-Durchschnitt, der Anteil jener mit einer Dechsel aus- gestatteten Kinder (55,5  %) ist derzeit ein Spitzenwert. Wie nahezu in allen LBK-Gräberfeldern stellt auch hier die Keramik den größten Anteil der erhaltenen Beigaben dar. Dennoch enthielten nur knapp 50  % aller Grabgruben Keramik (Tabelle 14, 15). Das Fundmaterial besteht aus an- nähernd vollständigen Gefäßen, zumeist von der Grabsoh- le, sowie aus Scherben vom Bereich der Bestattung und aus der Grabfüllung. Die Fragmente wurden zu Gefäßeinheiten zusammengeordnet und so in gleicher Weise wie bei Sied- lungsinventaren numerisch codiert beschrieben (siehe Ka- (z.  B. Bayern: Sengkofen, Mangolding; Rheinland: Flom- born) zu finden. Die seit dem Jungpaläolithikum geübte Sitte der Rötelstreuung scheint innerhalb der LBK von un- terschiedlicher Bedeutung gewesen zu sein und wurde auf verschiedene Art geübt. In Kleinhadersdorf bestreute man bei insgesamt nur neun Personen ausschließlich den Kopf- bereich mit Rötel (Abb.  22). In fast ebenso vielen Fällen zeigten sich auf den Mahlsteinen und Reibplatten Rötelspu- ren (Tabelle 27, Tafel 60), die aber nicht unbedingt mit dem Grabritual in Verbindung zu bringen, sondern wohl eher als Hinweise für die Nutzung dieses Minerals z.  B. zur Körper- bemalung zu werten sind. Es gab insgesamt sieben Verfärbungen, die auch Reste verbrannter Knochen enthielten, aber nur vier von diesen können mit hoher Wahrscheinlichkeit als Reste von Brand- gräbern angesprochen werden (Tabelle 5). Da alle vermutli- chen Leichenbrandreste verloren gegangen sind, fehlt leider die Kontrolle durch die anthropologische Untersuchung. Unter den zwischen 1987 und 1991 untersuchten Ver- färbungen befanden sich insgesamt 26 Gruben, die nach Form und Ausmaßen völlig den Grabgruben der Körper- gräber glichen, aber keine Skelette oder nur geringe Reste von solchen enthielten (Tabelle 6). Diese große Anzahl von Leergräbern dürfte eine Spezialität des Gräberfeldes von Kleinhadersdorf sein. Genau die Hälfte dieser Leergräber enthielt keramische Reste, nur zwei Beil(fragmente) und ei- nes Mahlsteinreste u. a., aber nie fanden sich Schmuck oder Feuersteingeräte. Elf waren fundfrei (Tabelle 7 und Abb.  24). Die Art der Gestaltung dieser leeren Grabgruben, die gerin- ge Anzahl sowie die Fundsituation des Inventars vermitteln den Eindruck, dass menschliche Körper – vielleicht einge- hüllt in Stoff oder Ähnliches – jeweils vorsichtig daraus ent- fernt wurden, wobei Objekte von geringerer Bedeutung verloren gingen oder einfach zurückblieben. Die essentiel- len Merkmale von Scheingräbern / Kenotaphen fehlen hier ebenso wie bei den Leergräbern anderer LBK-Gräberfelder, im Vergleich zu diesen liegt sowohl der Anteil von 29  % aller Gräber als auch die Fundführung über dem Durch- schnitt (Tabelle 8). Bei der Analyse der Beigaben und deren Lage in den Gräbern gewannen wir den Eindruck, dass in vielen Fällen leere Flächen auf nicht mehr erhaltene Stücke der ehemali- gen Grabausstattung hinweisen (Abb.  28). Aus diesem Grunde erscheint es uns nicht korrekt, von „reichen“ oder „armen“ Gräbern zu sprechen, sondern nur von Gräbern mit vielen, einigen, wenigen oder keinen erhaltenen Beiga- ben. Da wir den Wert der verlorengegangenen Objekte überhaupt nicht einzuschätzen vermögen, sollten wir auch nicht die Anzahl der erhaltenen Gegenstände zur Erschlie-
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Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
Titel
Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
Autoren
Christine Neugebauer-Maresch
Eva Lenneis
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-7001-7598-8
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
406
Schlagwörter
Neolithic, LBK, cemetery, archaeology, prehistory, Kleinhadersdorf, Lower Austria, Neolithikum, Linearbandkeramik, Archäologie, Urgeschichte, Gräberfeld, Kleinhadersdorf, Niederösterreich
Kategorien
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