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Zahnschmelzes, in weiterer Folge auch des Dentins bis hin
zur völligen Zerstörung des Zahnes56.
Unterschiede in der Karieshäufigkeit zwischen ver-
schiedenen prähistorischen Populationen können mit un-
terschiedlicher Ernährung oder Nahrungszubereitung
(z.
B. Süßen der Speisen) aber auch mit der Trinkwasserqua-
lität zusammenhängen57. Ein niedriger Fluorgehalt des
Grundwassers begünstigt die Entstehung von Karies, ein
hoher Gehalt vermindert die Anfälligkeit für Karies58. Auch
die Alterszusammensetzung einer Population ist relevant,
da die Zähne älterer Individuen bereits über einen längeren
Zeitraum kariogenen Faktoren ausgesetzt waren und daher
im Mittel eine höhere Kariesanfälligkeit aufweisen59.
Mit dem Übergang von der aneignenden Wirtschafts-
weise der Jäger-Sammler-Gesellschaften zur produzieren-
den Wirtschaftsform der ersten Ackerbauern soll sich allge-
mein der Gesundheitszustand der Zähne verschlechtert
haben. Begründet wird diese Verschlechterung mit der
durch die neue Subsistenzform einhergehenden Nahrungs-
umstellung, also dem vermehrten Konsum von kohlenhyd-
ratreicher Nahrung, die zu einem Anstieg der Kariesfre-
quenz geführt haben soll60.
In der frühneolithischen Gesamtpopulation von Klein-
hadersdorf (Subadulte und Erwachsene) konnten kariöse
Läsionen in einer Frequenz von 45,2
% beobachtet werden;
die relative Anzahl kariöser Zähne beträgt 6,3 %. Erwar-
tungsgemäß ist die Kariesbelastung der Milchzähne zwar
kleiner (Kariesfrequenz 9,1 %, Kariesintensität 4,9 %), die
zugrunde liegende Stichprobe ist aber ungeeignet, um diese
Verhältnisse weitgehender zu interpretieren.
Die geschlechtsspezifische Analyse liefert keinen Hin-
weis auf einen Sexualdimorphismus im Hinblick auf die
Kariesfrequenz der Kleinhadersdorfer. Frauen waren zu
70 %, Männer zu 69,2
% betroffen. Dies stellt insofern ein
eher unerwartetes Ergebnis dar, als zahlreiche anthropolo-
gische Studien61 belegen, dass Frauen in prähistorischer Zeit
häufiger von Zahnerkrankungen befallen waren als Männer,
was u. a. mit dem früheren Durchbruch der bleibenden Zäh-
ne im weiblichen Geschlecht oder dem Effekt von hormo-
nellen Schwankungen in Verbindung gebracht wird. Die
Tatsache einer auf den ersten Blick ähnlichen Belastung bei
beiden Geschlechtern in Kleinhadersdorf könnte auf den
56. Larsen et al. 1991. – Carli-Thiele 1996. – Czarnetzki 1996. –
Grupe et al. 2005.
57. Carli-Thiele 1996.
58. Larsen 1995. – Eshed et al. 2006.
59. Larsen et al. 1991.
60. Schneider 1986. – Larsen et al. 1991. – Larsen 1995.
61. siehe dazu etwa Slaus et al. 2004. Konsum ähnlicher Nahrung hindeuten, die von stärkerei-
cher Kost dominiert war, denn stärkereiche Kost greift den
Zahnschmelz besonders an. Alternativ muss allerdings auch
an einen Stichprobeneffekt gedacht werden, denn es ist
nicht nur die Anzahl weiblichen Individuen in Kleinhaders-
dorf deutlich kleiner als jene der Männer, sondern auch ihr
durchschnittliches Sterbealter ist vergleichsweise geringer.
Letzteres könnte – da kariöse Zerstörungen mit dem Alter
zunehmen – besonders bei einer an sich kleinen Ausgangs-
stichprobe eine Nivellierung der Frequenzen begründen.
Um mit anderen bandkeramischen Serien vergleichbar
zu sein, wurde auch die Kariesfrequenz und die Kariesin-
tensität der Zähne des bleibenden Gebisses aller erwachse-
nen Individuen (Frauen, Männer und geschlechtsunbe-
stimmte Erwachsene) der Kleinhadersdorfer Population
berechnet. Die Kariesfrequenz beträgt bei dieser Vorge-
hensweise 60,7
% und die Kariesintensität 7,3
%. Ein direk-
ter Vergleich mit anderen Skelettpopulationen des Früh-
neolithikums lässt sich nur mit der Serie von Aiterhofen62
durchführen, die an den Populationen des Mittelelbe-Saale-
Gebietes63 von Bach64 ermittelten Werte sind hingegen nur
bedingt für eine Gegenüberstellung geeignet, da auch die
intravitalen Zahnverluste in die Frequenzberechnung ein-
bezogen wurden (siehe dazu Tabelle 31).
Gräberfeld Kariesfrequenz Kariesintensität
Kleinhadersdorf 60,7 % 7,3 %
Aiterhofen 37,0 % 9,2 %
Bandkeramik (allgemein) 53,2 % 9,6 %
Bandkeramik (ohne
Sondershausen) 43,4 % 8,0 %
Sondershausen 69 % 11,8 %
Schönstedt 30,8 % 10,8 %
Tabelle 31:Vergleich der Kariesfrequenzen und -intensitäten der
neolithischen Populationen von Kleinhadersdorf, Aiterhofen und
des Mittelelbe-Saale-Gebietes.
Dass die Kleinhadersdorfer bei der vergleichenden Be-
trachtung nun trotzdem (von der Sondershausener Skelett-
population abgesehen) die höchste, für neolithische Popula-
tionen eher ungewöhnlich hohe Kariesfrequenz aufweisen,
ist bemerkenswert. Es ist damit der Konsum einer vorwie-
gend kohlenhydratreichen Kost, wie bereits erwähnt, sehr
wahrscheinlich. Interessanterweise ergab eine Studie, wel-
che die Entwicklung bzw. Häufigkeit von Karies über die
Jahrtausende, vom Paläolithikum bis in die jüngste Vergan-
62. Baum 1989.
63. Bach 1978.
64. Bach 1978.
Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Titel
- Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Autoren
- Christine Neugebauer-Maresch
- Eva Lenneis
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7001-7598-8
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 406
- Schlagwörter
- Neolithic, LBK, cemetery, archaeology, prehistory, Kleinhadersdorf, Lower Austria, Neolithikum, Linearbandkeramik, Archäologie, Urgeschichte, Gräberfeld, Kleinhadersdorf, Niederösterreich
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen