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Diskussion 387
niert sind, d. h. im Bereich der Innenseite der unteren
Schneidezähne und an der Außenseite der oberen Molaren.
Während sich die im neolithischen Aiterhofen73 erhobenen
Befunde mit diesen Erfahrungen zur Deckung bringen las-
sen (Belastungen der Frontzähne des Unterkiefers und der
Molaren des Oberkiefers), trifft das auf die Kleinhadersdor-
fer Kollektion nicht zu. Dies wollen wir nicht weiter inter-
pretieren, da es sich auch um ein postmortales Artefakt
(Skelett- und Zahnreste sind stark erodiert) und im Zuge
dessen um eine mögliche Unterschätzung handeln könnte.
Die geschlechtsspezifische Analyse würde auf einen Di-
morphismus im Sinne einer stärkeren Belastung der Männer
hindeuten (Frauen: Ausprägungsgrad
I bei 94,8
%, Grad
II
bei 5,2 %; Männer: Grad I bei 83,6 %, Grad II bei 14,5 %
und Grad
III bei 1,8
%)74.
4.3 Mangelsymptome
Bei der paläopathologischen Analyse prähistorischer Ske-
lettserien hat sich der Fokus in den letzten Jahrzehnten auf
die Erfassung von Merkmalen konzentriert, die aus Stress-
zuständen des Individuums resultieren. Sie können viele
endo- und exogene Ursachen haben: genetische Dispositi-
on, immunologische Reaktionslage, Widerstandsfähigkeit,
Mangelversorgung, Konflikte oder Arbeitsbelastung u. a.
mehr. Zu den Skelettindikatoren, die einen Hinweis auf ei-
nen insuffizienten Charakter der Ernährung zu geben ver-
mögen, werden porotische Strukturveränderungen an der
Lamina externa des Schädeldaches (porotische Hyperosto-
se) und im Bereich der Orbitadächer (Cribra orbitalia) ge-
zählt, ebenso Zahnschmelzdefekte in Form von linearen
Schmelzhypoplasien sowie subperiostale Knochenneubil-
dungen an den Schäften der Langknochen (Periostitis).
4.3.1 Porotische Hyperostose und Cribra orbitalia
Poröse Veränderungen im Bereich der Lamina externa des
Schädeldaches bzw. in den Dächern der Augenhöhlen ent-
stehen infolge eines gesteigerten Wachstums der Diploe,
einer Verdickung (Hypertrophie), verbunden mit einer Ra-
refizierung und Porosierung der Knochenlamelle75.
Veränderungen im Dach der Augenhöhlen wurden be-
reits Ende des 19.
Jahrhunderts beschrieben: Welcker notier-
te 1887, dass ihm eine „Eigenthümlichkeit an der Orbital-
platte des Stirnbeines vieler Schädel aufgefallen“ sei, die er in
seinen Messungstabellen als „Orbitalporositäten“ notierte.
Er benannte diesen Zustand „Cribra orbitalia“ und be-
schrieb diesen wie folgt: „Es finden sich […] ziemlich nahe
73. Baum 1989.
74. Schultz 1988.
75. Schultz 1993. – Carli-Thiele 1996. hinter dem Orbitalrand, meist in bogenförmiger Stellung
und meist an beiden Orbiten zugleich, eine Gruppe dicht
nebeneinander liegender Grübchen und Poren, welche in die
an dieser Stelle sonst selten vorkommenden Diploe eindrin-
gen und oft eine sehr zierlich gestaltete Gravierung bilden“76.
Welcker identifizierte sie als pathologische Merkmale77 und
zog bereits „Einflüsse[n] der Lebensart“ als Ursache in Be-
tracht. Er wies auch darauf hin, dass es sich dabei um Verän-
derungen von ganz unterschiedlichem Habitus handelt, die
alle mit dem „Blutverkehr dieser Orbiten“ in Zusammen-
hang stehen könnten. Interessanterweise beschrieb Welcker
auch das Zustandsbild der porotischen Hyperostose als
„ganz ähnliche, jedoch mehr trichterförmige Grübchen am
Hinterrand der Scheitelbeine, welche dort je eine rundliche
Gruppe von 3
cm Durchmesser bilden“78. Es war allerdings
Rudolf Virchow, der schon einige Jahre vor ihm (1874) ver-
mutet hatte, dass ein Zusammenhang zwischen den Läsio-
nen an Schädel und an den Orbitadächern bestehen würde
und dass diese vermutlich auch auf dieselbe Krankheit zu-
rückzuführen seien79. Zu einer ähnlichen Erkenntnis gelang-
te Stuart-Macadam80, und auch andere Autoren81 sehen eine
mögliche Verbindung, bei der sie davon ausgehen, dass der
Zustand der porosierten und verdickten Augenhöhlendä-
cher ein Anfangsstadium der porotischen Hyperostose dar-
stellen könnte. Heute besteht Konsens darüber, dass die Ver-
änderungen am Schädel- und Orbitadach gemeinsam, aber
auch unabhängig voneinander auftreten können82.
Welckers Frage, ob diese Struktureigentümlichkeiten
nicht auch aus „Einflüssen der Lebensart“ resultieren könn-
ten, verdient im Kontext der aktuellen Sichtweise Beach-
tung, da die Ursache dieser Veränderung – obwohl kontro-
vers diskutiert83 – in einer Erkrankung des anämischen
Formenkreises, d. h. „Blutarmut“ mit einer Verminderung
der Erythrozyten, vermutet wird84.
Anämien werden in der klinischen Praxis nach ganz
unterschiedlichen Kriterien eingeteilt (nach Form, Hämo-
globingehalt und Ätiologie). Bei der Interpretation der an
historischen menschlichen Skelettresten beobachteten Ver-
änderungen sind pathogenetische Gesichtspunkte relevant:
76. Welcker 1887.
77. siehe dazu auch Toldt 1886.
78. Welcker 1887, 4. Die heute für diese Veränderungen gebräuchli-
che Bezeichnung „porotische Hyperostose“ wurde erst von Angel
1966 geprägt.
79. Zitiert bei Stuart-Macadam 1989.
80. Stuart-Macadam 1989.
81. Hengen 1971. – El-Najjar et al. 1976. – Lallo et al. 1977.
82. Carli-Thiele 1996. – Walker et al. 2009.
83. Walker 1985. – Ders. 1986.
84. Stuart-Macadam 1987.
Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Titel
- Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Autoren
- Christine Neugebauer-Maresch
- Eva Lenneis
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7001-7598-8
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 406
- Schlagwörter
- Neolithic, LBK, cemetery, archaeology, prehistory, Kleinhadersdorf, Lower Austria, Neolithikum, Linearbandkeramik, Archäologie, Urgeschichte, Gräberfeld, Kleinhadersdorf, Niederösterreich
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen