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Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
Seite - 388 -
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Barbara Tiefenböck, Maria Teschler-Nicola388 Diesen zufolge kann eine Anämie prinzipiell als Folge eines Blutverlustes (akutem oder chronischem), als Folge von Erythrozytenabbau (ein gesteigerter Abbau kann erblich und erworben sein; u.  a. Thalassämien, Autoimmunkrank- heiten, Infektionskrankheiten) oder Erythrozytenbildungs- störungen auftreten. Paläopathologen vertraten lange die Ansicht, dass die Entstehung einer Anämie und die daraus resultierenden Skelettläsionen auf eine verminderte Produk- tion der roten Blutkörperchen, die aus einem ernährungsbe- dingten Eisenmangel resultiert, zurückzuführen sei85. Die Entstehung einer solchen Eisenmangelanämie kann wieder- um mehrere Ursachen haben, nicht immer ist eine unzurei- chende Aufnahme von Eisen aus der Nahrung maßgeblich; ihr kann auch ein Proteinmangel oder ein Mangel an Vitamin B12 und/oder Vitamin B9 (Folsäure) zugrunde liegen. Auf diese klinisch geläufigen Erkenntnisse wiesen auch Walker et al.86 hin. Diese Form der Anämie wird als megaloblastische Anämie bezeichnet. Sie geht mit einer Vergrößerung der ro- ten Blutkörperchen im peripheren Blut (Magalozyten) und dem Auftreten von Megaloblasten im Knochenmark einher. Es handelt sich um eine Reifungsstörung der roten Blutkörperchen, wobei die DNA-Synthese der blutbilden- den Zellen im Knochenmark beeinträchtigt ist. Walker et al. sind der Meinung, dass eine zu geringe Auf- nahme von Vitamin B12 in Verbindung mit schlechten hy- gienischen Bedingungen und Infektionskrankheiten eine plausible Erklärung für das häufige Vorkommen von poro- tischer Hyperostose innerhalb prähistorischer Bevölkerun- gen – vor allem der Neuen Welt – liefern könnte87. Wegen der komplexen ätiologischen Zusammenhänge bei einer Blutarmut-Erkrankung ist es allerdings schwierig, die Symptome der porotischen Schädeldachhyperostose ei- ner bestimmten Form der Anämie zuzuordnen88. Dies gilt auch für die Cribra orbitalia, wobei Schultz89 betont, dass die Defekte im Augenhöhlendach differenzierter betrachtet werden müssten. Es handelt sich nicht nur um cribröse Ver- dickungen im Sinne der Schädeldachhyperostose, sondern fallweise auch um subperiostale Blutungen, welche Schultz mit Skorbut oder Rachitis, Hämangiomen oder traumatisch bedingten Verletzungen assoziiert90. In der Regel tritt poro- tische Hyperostose und Cribra orbitalia bei Kindern häufi- ger und stärker ausgeprägt auf als bei Erwachsenen91. 85. El-Najjar et al. 1976. 86. Walker et al. 2009. 87. Walker 1986. – Stuart-Macadam 1992. 88. Schultz 1982. 89. Schultz 1993. 90. Walker et al. 2009. 91. El-Najjar et al. 1976. – Schultz 1989b. In der Population von Kleinhadersdorf findet sich das Symptom einer porotischen Hyperostose bei 17 Individuen (27,4  %), darunter fanden sich 15 Erwachsene und zwei subadulte Individuen. Veränderungen im Dach der Augen- höhle fanden sich nur bei einem drei- bis vierjährigen Kind sowie einem adulten Mann, der auch eine porotische Hy- perostose aufweist. Da an den Skelettresten von Kleinhadersdorf kaum An- zeichen von Infektionskrankheiten erkennbar sind, könnte die Entstehung der porotischen Schädeldachhyperostose eher in einer durch Mangelerkrankungen hervorgerufenen Anämie vermutet werden. In den beiden Fällen der Cribra orbitalia kann von einer entzündlich bedingten Genese ausgegangen werden. Das adulte männliche Individuum weist nur einen unilateralen Strukturdefekt auf, was gegen eine anämische Genese sprä- che92. Beim Kind sind zwar beide Orbitae betroffen, in der rechten Augenhöhle finden sich jedoch neben den porösen Defekten auch Knochenauflagerungen, die auf subperiosta- le Blutungen zurückzuführen sind. Schlussfolgerungen bezüglich eines ätiologischen Zu- sammenhangs dieser Symptome abzuleiten, ist in Anbe- tracht der Kleinhadersdorfer Stichprobengröße nicht zuläs- sig. Im Vergleich zur etwas jüngeren frühneolithischen Po- pulation von Asparn/Schletz (5000 v. Chr.) scheinen die Kleinhadersdorfer besser versorgt gewesen zu sein. Im Schletzer Kollektiv fanden sich die Stressmarker „poroti- sche Hyperostose“ und „Cribra orbitalia“ häufiger ausge- prägt, und zwar sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Kindern93. In der ebenfalls frühneolithischen, allerdings vergleichsweise kleinen Serie von Rutzing konnten an ins- gesamt sieben Individuen (29,2  %) Defekte in den Augen- höhlendächern und an zehn Individuen (41,7  %) porotische Veränderungen an der Tabula externa des Schädeldaches festgestellt werden94. Dies scheinen vergleichsweise hohe Frequenzen, die ohne genaue Kenntnisse des absoluten Al- ters der Serie und der von den Autoren bevorzugten diag- nostischen Kriterien nicht weiter kommentiert werden sol- len. 4.3.2 Lineare Schmelzhypoplasien Zahnschmelzdefekte und das diesen Veränderungen inne- wohnende diagnostische anthropologisch/paläopathologi- sche Potential sind schon lange bekannt und in umfangrei- 92. Schultz 1993. 93. Teschler-Nicola et al. 1996. 94. Kirchengast, Winkler 1994.
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Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
Titel
Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
Autoren
Christine Neugebauer-Maresch
Eva Lenneis
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-7001-7598-8
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
406
Schlagwörter
Neolithic, LBK, cemetery, archaeology, prehistory, Kleinhadersdorf, Lower Austria, Neolithikum, Linearbandkeramik, Archäologie, Urgeschichte, Gräberfeld, Kleinhadersdorf, Niederösterreich
Kategorien
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