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Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
Seite - 389 -
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Diskussion 389 cher Literatur dokumentiert95. Neben Farbdefekten und grubenförmigen (multiplen oder isolierten) Schmelzanlage- störungen sind es die horizontal verlaufenden Entwick- lungsdefekte, die neben den beiden oben genannten Merk- malen (Cribra orbitalia und porotische Hyperostose) häufig als geeignet für die Beurteilung von Lebensbedingungen historischer Bevölkerungen gelten. Für die diagnostische Absicherung kamen bislang ganz unterschiedliche Metho- den (Makroskopie, Rasterelektronenmikroskopie und His- tologie) zum Einsatz, wobei sich – insbesondere bei Vorlie- gen großer Kollektionen oder für den Populationsvergleich – die makroskopische Beurteilung als praktikabelste Me- thode erwiesen hat. Punktförmige Defekte (einzeln oder multipel) können Resultat einer genetischen Disposition sein, aber ihre Ent- stehung auch einer Infektionskrankheit (z.  B. kongenitaler Syphilis) oder einer Toxikation, selten auch einem Trauma schulden. Als „Foramina caeca“ finden sich solche Schmelz- anlagestörungen vorwiegend an den bukkalen Kronenflä- chen der Molaren96. Dies gilt auch für die Kleinhadersdorfer Population, wo solche Defekte mit einer Häufigkeit von 2,4  % an den Zähnen des Dauer- und des Milchgebisses be- obachtet werden konnten. Lineare Schmelzdefekte gelten als „unspezifische Stress- marker“ und können ganz unterschiedliche Ursachen ha- ben: Es handelt sich um hypokalzifizierte Zonen, die aus einer durch Fehlernährung bedingten gestörten Schmelz- Matrix-Formation (bzw. einer gestörten Sekretionstätigkeit der Ameloblasten) resultieren. Die Position der Defekte vermag die „Stressperiode“ zu indizieren, z.  B. Geburts- stress (über die „neonatal line“) oder physiologischen Stress während der Nahrungsumstellung im Verlaufe der Abstill- periode (zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr zu beobachten)97. Oft wurde auch über signifikante Zusam- menhänge zwischen Schmelzdefekten und Infektions- krankheiten berichtet, die klinischen Evidenzen scheinen aber nicht dazu in der Lage, solche Korrelationen eindeutig zu verifizieren. Hypoplastische Defekte können alle Zähne betreffen, sie stellen ein persistierendes Merkmal dar, da sie nicht von späteren physiologischen Umbau- bzw. Abbau- prozessen betroffen sind98. Lineare Schmelzhypoplasien finden sich bei der Popula- tion von Kleinhadersdorf ausschließlich an den Zähnen des 95. Skinner, Goodman 1992. – Schultz et al. 1998. – Clarkson 1989. – Small, Murray 1978. 96. Schultz 1988. 97. Schultz et al. 1998. 98. Ortner, Putschar 1981. – Schultz 1988. – Aufderheide, Rod- riguez-Martin 1998. Dauergebisses (16,6  %). Die Tatsache, dass die Milchzähne frei von Schmelzbildungsstörungen sind, würde bedeuten, dass die Kleinhadersdorfer Frauen während ihrer Schwan- ger schaft gut versorgt waren und die Feten keiner pränatalen Stressbelastung ausgesetzt waren. Von den Dauerzähnen sind die Schneidezähne des Oberkiefers am häufigsten be- troffen, im Unterkiefer finden sich die Defekte sowohl an den Eck- wie Schneidezähnen. Diese Zähne gelten ganz all- gemein als besonders sensitiv für schädigende Einflüsse während der Amelogenese. Geschlechtsspezifische Unter- schiede ließen sich nicht eruieren. Ziehen wir die Zeit der Dauerzahnkronenformation der Schneide- und Eckzähne in Betracht, so dürften männliche wie weibliche Kinder postnatal, zwischen ihrem 1. und 5. Lebensjahr, sehr ähnlich versorgt gewesen bzw. zu einem ähnlichen Zeitpunkt ent- wöhnt worden sein. Dennoch deuten die in dieser Population beobachteten Frequenzen von transversalen Schmelzhypoplasien auf Pe- rioden von Mangelversorgung der Kinder in Kleinhaders- dorf hin. Ob diese mit einem (eventuell saisonal oder durch die Entwöhnung bedingten) Vitaminmangel oder anderen, in der Literatur diskutierten Störungen des Organismus, etwa Infektions- oder Durchfallerkrankungen, eher in Ver- bindung zu bringen sind, lässt sich nicht feststellen. Da die bereits zum Neolithikum vorliegenden Statistiken sich von der gegenständlichen Auswertungsart unterscheiden, ist eine vergleichende Betrachtung nur bedingt möglich. Sub- adulte der Populationen von Aiterhofen und Wandersle- ben99 zeigen zu 80  % bzw. 54  % transversale Schmelzhypo- plasien, während diese in Kleinhadersdorf lediglich bei 42  % der Subadulten nachgewiesen wurden. Auch der Ver- gleich mit den an subadulten Individuen eines römerzeitli- chen Gräberfeldes aus Niederösterreich gewonnenen Er- kenntnissen ist aufschlussreich: Er macht deutlich, dass die neolithische Kleinhadersdorfer Bevölkerung einer geringe- ren Stressbelastung ausgesetzt bzw. auch besser versorgt war, als die spätantike, die vermutlich mit schlechteren Le- bensbedingungen konfrontiert gewesen sein dürfte (even- tuell höhere Bevölkerungsdichte, instabilere sozio- ökonomische oder politische Verhältnisse?).100 4.3.3 Periostale Knochenneubildungen Strukturelle Veränderungen im Sinne von neugebildeten, netzartigen oder porotischen Knochenauflagerungen kön- nen verschiedene Ursachen haben. Meist handelt es sich um das Resultat verkalkter, subperiostaler Blutungen, also um lokale Knochenneubildungen oder um reaktive Umbau- 99. Carli-Thiele 1996. 100. Merker, Teschler-Nicola 2010.
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Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
Titel
Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
Autoren
Christine Neugebauer-Maresch
Eva Lenneis
Ort
Wien
Datum
2015
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-7001-7598-8
Abmessungen
21.0 x 29.7 cm
Seiten
406
Schlagwörter
Neolithic, LBK, cemetery, archaeology, prehistory, Kleinhadersdorf, Lower Austria, Neolithikum, Linearbandkeramik, Archäologie, Urgeschichte, Gräberfeld, Kleinhadersdorf, Niederösterreich
Kategorien
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