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Barbara Tiefenböck, Maria
Teschler-Nicola390
prozesse, die von der Knochenhaut, dem Periost, ausgehen.
Am häufigsten findet man diese verkalkten Hämatome an
den Diaphysen der Langknochen. Die strukturellen Neu-
bildungen können in ihrem Erscheinungsbild deutlich dif-
ferieren. Man findet großflächige, manschettenartige Um-
mantelungen der Langknochen ebenso wie unregelmäßige
Verdickung mit eher länglichen, leistenförmigen Struktu-
ren. Knochenauflagerungen können jedoch auch kleinräu-
mig, lokal begrenzt vorliegen und dann auf eine lokale sub-
periostale Blutung infolge eines traumatischen Geschehens
hinweisen; auch chronischer Vitamin C-Mangel steht zur
Diskussion101.
Die Symptome eines chronischen Vitamin C-Mangels
bei Kindern wurden bereits im 19.
Jahrhundert erkannt und
definieren diesen – nach ihren Entdeckern und Erstbe-
schreibern – heute als Moeller-Barlow’sche Krankheit. Vita-
min C greift in viele Stoffwechselvorgänge ein und ist bei-
spielsweise auch an der Kollagen-Biosynthese beteiligt. Ein
Mangel dieses das Bindegewebe stärkenden Vitamins beein-
trächtigt die Kollagenvernetzung und führt zu einer erhöh-
ten Gefäßbrüchigkeit (und verminderten Wundheilung).
Die Blutungsbereitschaft wird dadurch erheblich vergrö-
ßert. Dies ist im Kontext mit der Beurteilung von histori-
schen Skelettresten relevant, da sich subperiostale Blutun-
gen in Form von „verkalkten Neubildungen“ gut
diagnostizieren lassen (eine entsprechende Erhaltung
voraus gesetzt). Reste solcher Hämatome finden sich vor-
wiegend an den Langknochen und am Kiefer, können aber
auch an anderen Knochen des Skelettes, wie Rippen, Schul-
terblättern oder Beckenknochen vorkommen102.
Bei Kindern finden sich hauptsächlich solche, den Lang-
knochen aufsitzende verkalkte Hämatome sowie Knochen-
neubildungen im Alveolarkammbereich103, beim Erwachse-
nen verursacht ein chronischer Vitamin C-Mangel das
Krankheitsbild des Skorbuts, der sich mit Zahnverlust in-
folge von Parodontopathien manifestiert. Diese Entzün-
dungen können auch auf den knöchernen Gaumen über-
greifen. Vitamin C-Mangel kann überdies zu einer
verminderten Aufnahme von Eisen führen, sodass das
Krankheitsbild der Anämie oft ein Begleitsymptom eines
chronischen Vitamin C-Mangels darstellt. Er kann außer-
dem eine Herabsetzung der Körperabwehr bedingen, wes-
halb von einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber Infektio-
nen, vor allem bei Subadulten, ausgegangen werden kann104.
In der neolithischen Population von Kleinhadersdorf
101. Schultz 1988. – Herrmann et al. 1990.
102. Carli-Thiele 1996. – Carli-Thiele, Schultz 2001.
103. Schultz 1982. – Herrmann et al. 1990.
104. Carli-Thiele, Schultz 2001. finden sich Anzeichen von subperiostalen hämorrhagischen
Prozessen am Cranium und an den postcranialen Skelettele-
menten (am häufigsten an den Diaphysen von Femur und
Tibia) bei 24,2
% der Individuen. Bekannt ist, dass die Tibia
generell am häufigsten von Prozessen dieser Art betroffen
ist105. Das gilt auch für die vorliegende Serie. Die Verände-
rungen sind allerdings unspektakulär und scheinen eher ei-
nem remodellierten Stadium eines Krankheitsprozesses zu
entsprechen. Bei drei Kindern finden sich hingegen klein-
räumige, verkalkte, subperiostale Hämatome an der Mandi-
bula (4,8 %), gleichfalls in einer sehr leichten Manifestati-
onsform.
Im Vergleich zur frühneolithischen, zeitlich etwas jün-
geren Population von Asparn/Schletz106, die ebenfalls in
Bezug auf Mangelversorgungssymptome und krankhafte
Veränderungen untersucht wurde, scheinen die Klein-
haders dorfer adäquater versorgt bzw. geringerem Stress
ausgesetzt gewesen zu sein. Der Vergleich mit den Subadul-
ten aus den beiden Gräberfeldern Aiterhofen und Wanders-
leben ergibt ein differenziertes Bild, nämlich eine größere
Belastung der Kleinhadersdorfer Kinder im Vergleich zu
Aiterhofen (6,7
%), aber eine geringere im Vergleich zu Kin-
dern von Wandersleben (40
%). Die in Kleinhadersdorf be-
obachteten periostalen Knochenneubildungen können
zwar einen chronischen Vitamin C-Mangel belegen, die
Symptome sind aber, ähnlich wie alle anderen Stressmarker,
fast ausschließlich als milde Ausprägungsform fassbar, am
ehesten daher mit einem saisonal bedingten Mangel bei der
Versorgung zu begründen. Auch die Tatsache, dass kaum
Anzeichen sonstiger entzündlicher Erkrankungen (Menin-
gitis oder Stomatitis) vorliegen, scheint diese Annahme zu
stützen.
4.4 Osteologisches Paradoxon?
In der frühneolithischen Bevölkerung von Kleinhadersdorf
weisen sowohl die adulten als auch die subadulten Individu-
en Spuren von Mangelerkrankungen auf. Vor allem bei den
Erwachsenen finden sich Symptome wie porotische Schä-
deldachhyperostosen, lineare Schmelzhypoplasien und Pe-
riostitis.
Von den oben erwähnten unspezifischen Stressmerk-
malen abgesehen, konnten kaum Anzeichen infektiöser
Erkrankungen und auch keine Spuren traumatischer Verän-
derungen an den Skelettresten der Kleinhadersdorfer nach-
gewiesen werden.
Entzündliche Reaktionen an der Lamina interna des
105. Ortner, Putschar 1981. – Larsen 1997.
106. Teschler-Nicola et al. 1996.
Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Titel
- Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Autoren
- Christine Neugebauer-Maresch
- Eva Lenneis
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7001-7598-8
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 406
- Schlagwörter
- Neolithic, LBK, cemetery, archaeology, prehistory, Kleinhadersdorf, Lower Austria, Neolithikum, Linearbandkeramik, Archäologie, Urgeschichte, Gräberfeld, Kleinhadersdorf, Niederösterreich
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen