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Diskussion 391
Schädeldaches, welche auf eine Hirnhaut-Affektion im Sin-
ne einer Meningitis/Meningoencephalitis zurückzuführen
sind, konnten nur bei drei Individuen beobachtet werden,
bei weiteren fünf Individuen ist es unklar, ob die endocrani-
alen Atypien intravitalen oder postmortalen Ursprungs
sind, d. h., es besteht lediglich ein Verdacht auf eine ent-
zündliche Genese dieser Art. Auch die an historischen Ske-
lettresten häufig diagnostizierte Stomatitis scheint selten
(unzweifelhaft betroffen waren drei Individuen), ebenso
selten war Pleuritis, eine Rippenfellentzündung, zu diag-
nostizieren (zwei Fälle). Interessanterweise waren in der
Kleinhadersdorfer Serie keinerlei Verletzungen nachzuwei-
sen, was unserer Ansicht nach nur zum Teil mit dem schlech-
ten Erhaltungszustand in Verbindung zu bringen ist; man
könnte aus diesem Befund auch auf eine relativ konfliktfreie
Existenzform dieser frühneolithischen Gesellschaft schlie-
ßen. Generell scheinen die Ergebnisse des paläopathologi-
schen Screenings – wie schon erwähnt – auf eine relativ gute
Versorgungslage der Kleinhadersdorfer hinzudeuten.
Vielfach wird die Ansicht vertreten, dass die Analyse
von Stressindikatoren bei archäologischen Skelettserien
aufschlussreiche Informationen u. a. über die Lebens- und
Arbeitsbedingungen vergangener Populationen zu liefern
vermag. Wood et al.107 äußerten jedoch den Verdacht, dass
Faktoren wie versteckte Heterogenität in individuellem
Krankheitsrisiko oder selektive Mortalität die Untersu-
chung von archäologischen Skelettserien beeinflussen wür-
den, sodass keine verlässlichen Rückschlüsse auf den allge-
meinen Gesundheitszustand einer ganzen Population
gezogen werden könnten. Anzeichen von Erkrankungen
am Skelett würden außerdem nicht die „Schwäche“, son-
dern die „Stärke“ des Immunsystems bezeugen, denn damit
sich eine Krankheit am Knochen manifestieren kann, muss
ein Individuum diese Stressperiode lange genug überlebt
haben. Dieser Gedanke führte zur Formulierung des „Os-
teologischen Paradoxon“, welches eben besagt, dass Spuren
krankhafter Veränderungen am Skelett als Hinweis auf indi-
viduelle Stärke und Gesundheit zu interpretieren seien.
Wood und Kollegen beurteilen den im Vergleich zu tradi-
tionellen Jäger- und Sammlergesellschaften hohen Anteil an
Stressmerkmalen an den Skeletten früher Ackerbauern da-
her als allgemeine Verbesserung des Gesundheitszustandes
und nicht als Verschlechterung108.
Erstaunlicherweise finden sich bei den frühneolithi-
schen Bauern von Kleinhadersdorf kaum Spuren von chro-
nischer Mangelversorgung oder Infektionskrankheiten und
die Frage ist, ob ein solcher Befund – wie von Wood et al.
107. Wood et al. 1992
108. Wood et al. 1992. postuliert wurde – auf eine allgemein schlechte gesundheit-
liche Verfassung und ein schwaches Immunsystem einer
Bevölkerung hinweist, in der der Großteil starb, bevor sich
die Krankheit auf das Skelett auswirken konnte? Das
Wood’sche Modell wurde vielfach infrage gestellt und es
wurden zahlreiche kritische Studien vorgelegt, die den Au-
toren Fehlschlüsse unterstellen109, weil sie mit ihrer Annah-
me Krankheit und Tod gleichsetzen. Zeichen von Krankheit
und Stress müssen aber nicht zwangsläufig zum Tod geführt
haben. Mit der Analyse multipler Stressmarker und unter
Miteinbeziehung archäologischer und historischer Daten in
eine paläopathologische Untersuchung ist es durchaus
möglich, Rückschlüsse auf Krankheitsbelastungen inner-
halb archäologischer Gruppen zu ziehen und über ähnlich
durchgeführte Populationsanalysen die Spezifika einzelner
Gesellschaften und ihrer Lebensbedingungen zu erfassen110.
Die vorliegenden Befunde sprechen in der Summe für
einen durchwegs guten Gesundheitszustand und eine adä-
quate Versorgung dieser linearbandkeramischen Bevölke-
rung, die um 5300
BC im Osten unseres Landes angesiedelt
war. Unspezifische Stresssymptome liegen zwar vor und
sind vermutlich als Resultat saisonaler Mangelversorgung
zu deuten; diese dürfte aber nicht jenes Ausmaß erreicht ha-
ben, das wir etwa in der jüngeren, endlinearbandkerami-
schen Skelettkollektion von Asparn/Schletz oder an den
mittelneolithischen Skelettresten feststellen konnten111.
4.5 Rekonstruktion der Körperhöhe
Mit der Körperhöhe wurde der einzige populationsspezifi-
sche metrische Parameter dieser linearbandkeramischen
Bevölkerung erfasst. Die Langknochen von neun Individu-
en erwiesen sich dafür als geeignet. Daraus wurde für die
Männer eine Körperhöhe zwischen 156,5 und 175,5 cm
(x=166,6
cm) und für die beiden einzigen Frauen eine solche
von 156 bzw. 160
cm errechnet. Diese Werte finden sowohl
in den bandkeramischen Populationen Mitteldeutsch-
lands112 als auch in den jungneolithischen österreichischen
Populationen von Schletz113 und von Rutzing114 eine weitge-
hende Entsprechung (Männer Mitteldeutschland:
x=165,8
cm, Frauen Mitteldeutschland x=156,6
cm; Männer
Schletz x=167,5
cm, Frauen Schletz 160,5 und 165
cm; Män-
ner Rutzing x=166,8
cm, Frauen Rutzing x=158,3
cm).
109. Goodman 1993. – Cohen 1994. – Larsen 1997.
110. Goodman 1993. – Larsen 1997.
111. Mayrwöger, Teschler-Nicola 2011.
112. Bach 1978.
113. Teschler-Nicola et al. 1996.
114. Kirchengast, Winkler 1994.
Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Titel
- Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Autoren
- Christine Neugebauer-Maresch
- Eva Lenneis
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7001-7598-8
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 406
- Schlagwörter
- Neolithic, LBK, cemetery, archaeology, prehistory, Kleinhadersdorf, Lower Austria, Neolithikum, Linearbandkeramik, Archäologie, Urgeschichte, Gräberfeld, Kleinhadersdorf, Niederösterreich
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen