Seite - 136 - in Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Bild der Seite - 136 -
Text der Seite - 136 -
YVES SINTOMER
136
Regierung vollzogene Rentenreform völlig fassungslos. Sie schwenkte nun
plötzlich zur Frage des Kopftuchs über und entfachte eine laizistische Kam-
pagne gegen den Propagandafeldzug, den die ›Islamisten‹ ihrer Auffassung
nach mit einem Stück Stoff gegen die ›Werte der Republik‹ führten. Derart
glaubten diese Politiker einer progressiven, ja sogar revolutionären Linken
(denn die Kampagne zum Schulverweis der Schwestern Lévy wurde von
Köpfen der extremen Linken angeführt) den Block einer laizistischen Linken
nun auf billige Weise wieder zusammenschweißen zu können. Die Linke
hatte in den 1980er Jahren einen entscheidenden Kampf gegen die katholische
Kirche und ihre Konfessionsschulen verloren, als der Versuch ihrer Verstaat-
lichung mit einem nachhaltigen Misserfolg endete. Indem man sich auf die
jungen verschleierten Mädchen stürzte, fand man Gegnerinnen, von denen mit
gutem Grund anzunehmen war, sie seien leicht zu besiegen (Cadot et al. 2007;
Tévanian 2005).
Die Tatsache, dass die Frage in der Öffentlichkeit nur wenig später in
Deutschland gestellt wurde, hatte übrigens zur Folge, dass der Austausch der
Argumente zwischen den beiden Ländern sehr ungleich war. Die
französischen Debatten sind auf der anderen Seite des Rheins ziemlich breit
rezipiert und veröffentlicht worden, wo die Parteigänger des ›säkularisti-
schen‹ Wegs einen nicht unerheblichen Teil ihrer Argumentation bei ihren
Nachbarn entliehen haben. Darüber hinaus hatten die französischen Diskus-
sionen im übrigen Europa einen beachtlichen Nachhall, selbst bei den Eng-
ländern, die sich in dieser Frage am entgegengesetzten Ende befinden. Um-
gekehrt haben die Debatten in der Bundesrepublik außerhalb ihrer Grenzen
nur eine sehr begrenzte Tragweite gehabt. Die angesichts der Materie beson-
ders komplizierten Verhältnisse in Deutschland und der relativ widersprüch-
liche Charakter der gerichtlichen Stellungnahmen des BVerfG, des BVerwG,
mehrerer Verfassungs- oder Staatsgerichtshöfe der Bundesländer und etlicher
unterer Verwaltungs- oder Arbeitsgerichte haben zu dieser Situation zwei-
fellos beigetragen. Daher sind die Debatten jenseits des Rheins in Frankreich
nur bruchstückhaft und verzerrt aufgenommen worden. Man würde ver-
geblich einen politisch handelnden oder verantwortlichen Menschen suchen,
der seine Position dadurch zu legitimieren versucht, dass er sich auf Deutsch-
land beruft, obwohl dies bei anderen Themen, wie z.B. in der Ökonomie oder
beim Verhältnis zwischen Bund und Ländern, häufig geschieht. Darüber
hinaus wurde der Umstand, dass sich die Diskussion in Deutschland nur auf
das Tragen des Kopftuchs bei Lehrerinnen bezieht, während sie in Frankreich
praktisch nur die Schülerinnen betrifft, in der öffentlichen Meinung in Frank-
reich nicht deutlich genug wahrgenommen.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik