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KOPFTUCH UND ›FOULARD‹
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Araber und Türken,
französische und deutsche Identität
Die zeitlichen Unterschiede in der Dynamik der Kontroversen über das Kopf-
tuch zwischen Frankreich und Deutschland sind allerdings ein wichtiges Indiz
dafür, dass die Probleme tiefer liegen. In beiden Ländern hatte das Tragen des
Kopftuchs bei den Müttern von Einwanderern und Einwanderinnen auf natio-
nalem Niveau keine bemerkenswerte Reaktion hervorgerufen – umso mehr,
als es an die christlichen Bauersfrauen erinnerte, die sich damit noch vor
wenigen Jahrzehnten bedeckten. Erst als das Kopftuch modern wurde und von
jungen Frauen auf striktere und weniger nachlässige Weise (und häufig sehr
viel eleganter) als in der vorherigen Generation getragen wurde, fing es an
Probleme zu machen (Khosrokhavar/Gaspard 1995; Venel 1999). In beiden
Ländern hat man diese neue Kleidermode nicht ohne Grund mit dem
internationalen Auftauchen des politischen Islamismus in Verbindung ge-
bracht. Indessen ist das, was eigentlich stört, offenbar gar nicht an erster
Stelle dessen Einfluss, der übrigens oft breit herbeifantasiert und überschätzt
wird, sondern der Umstand, dass die Personen, die das Kopftuch tragen wol-
len, nicht nur vorübergehende Migrantinnen, Ehefrauen und Mütter von Gast-
arbeitern bzw. Gastarbeiterinnen sind sondern auch junge Mädchen oder
junge Frauen, die im Gastland geboren wurden oder in jungen Jahren dort
hinkamen. Häufig besitzen sie dessen Staatsbürgerschaft und sind in einem
Prozess der Eingliederung begriffen, der sehr viel dynamischer als bei ihren
Müttern verläuft (der Zugang zu Gymnasien und Universitäten und zum
Lehrerinnenberuf ist dafür ein unmissverständliches Zeichen) und zu zahl-
reichen Formen der Diskriminierung auf Grund ihrer ethnischen und kul-
turellen Herkunft führt. Die Kontroversen über das islamische Kopftuch ha-
ben Fragen der Identität aufgeworfen, auf die sich die europäischen Ge-
sellschaften von dem Augenblick an gestürzt haben, als ihre traditionellen
religiösen und moralischen Koordinaten durcheinander gerieten. In einem
derartigen Kontext sind die Träger/innen des Fremden als Gegenmodelle wie
geschaffen, da sie es erlauben die Mehrheitsgesellschaften um einen ›Staats-
kommunitarismus‹ herum zu vereinen, der seine besonderen kulturellen Nor-
men zur Gesetzesnorm erhebt, die dann wiederum allen auferlegt wird (Sin-
tomer 2004). Wenn die Anderen für sich eigene Werte oder eine andere Re-
ligion im Inneren der Gesellschaft und nicht nur am Rand oder im Ausland in
Anspruch nehmen, können sie leicht zu Sündenböcken werden und als infil-
trierte Elemente gelten, die eine ohnehin gefährdete Identität bedrohen. Unter
diesem Gesichtspunkt ist es nicht erstaunlich, dass das Problem früher in
Frankreich als in Deutschland auftrat, wo das geltende ius sanguinis das
Bewusstsein, dass man Moslem und Deutscher oder zumindest dauerhaft in
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik